Der folgende Beitrag ist fiktional: Ich stelle mir vor, ich bin aufgefordert worden, bei einem Science Slam Theologie teilzunehmen.
Ich stelle mir weiterhin vor, was sage ich zum Thema: Was bedeutet Fortschritt in der Theologie?
Wie gesagt, fiktional. Ich bin nie gefragt worden und werde wohl nie gefragt werden. Die Fragestellung ist trotzdem interessant und es schadet ja nichts, sich schon mal Gedanken zu diesem Thema gemacht zu haben.
Was bedeutet Fortschritt in der Theologie?
Versuch einer verständlichen Analyse eines Grundproblems der Theologie als Wissenschaft
Von Eckhard Türk
1. Das Grundproblem: Stillstand oder Weiterentwicklung?
Stellen wir uns die Theologie wie ein altes Haus vor. Die Fundamente – die Bibel und die Lehren der frühen Kirche – stehen seit fast 2000 Jahren fest. Viele Menschen glauben deshalb, Theologie sei eine „tote“ Wissenschaft: Man könne nichts Neues entdecken, sondern nur das Alte wiederholen. Auch scheint die Offenbarung Gottes – außer in sogenannten Neuoffenbarer-Gruppierungen – nichts Neues mehr mitzuteilen.
Diesem Vorurteil möchte ich massiv widersprechen. Fortschritt in der Theologie kann nicht bedeuten, das Fundament abzureißen, sondern die Fragen der heutigen Zeit auf diesem Fundament besser zu beantworten – und damit auch das Fundament besser verstehen und übersetzen zu können. Fortschritt ist kein Sammeln von alten Sätzen, sondern das Lösen von Problemen.
2. Wie Wissenschaft wirklich funktioniert (Das Vorbild)
Bevor ich zur Theologie und ihren Fragen komme, möchte ich erklären, wie moderner Fortschritt überhaupt entsteht. Ich beziehe mich dabei auf den Kritischen Rationalismus und die Idee Karl Poppers:
- Wissenschaft beginnt nicht mit Beobachtung, sondern mit einem Problem.
- Ein Problem entsteht, wenn unsere Erwartung enttäuscht wird oder wenn sich zwei Aussagen widersprechen (z. B.: „Gott ist gut“ vs. „Es gibt schreckliches Leid“).
- Fortschritt passiert dann, wenn wir eine alte, schwache Erklärung durch eine neue, stärkere ersetzen, die weniger Widersprüche aufweist.
Wissenschaft ist also wie ein ständiges „Ausmisten“ von Irrtümern. Und genau das muss auch die Theologie tun. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich im fundamentalen Gebäude der Theologie so manches angehäuft, das „ausgeräumt“ oder zumindest „umgeräumt“ gehört.
3. Der große „Umbau“: Von Dingen zu Beziehungen
Um das tun zu können, schlage ich einen radikalen Umbau, besser gesagt einen Perspektivwechsel in der Theologie vor. Ich stütze mich hierbei auf die theologischen Einsichten meines Lehrers Peter Knauer SJ (* 5. Februar 1935; † 21. Juli 2024). Er war Fundamentaltheologe und insofern von Berufswegen mit dem „Umbau“ der Theologie befasst.
Das alte Denken: Gott als „Super-Ding“
Früher (und oft auch heute) dachte man Gott wie einen Gegenstand oder eine Person, die irgendwo „da draußen“ existiert – nur eben viel größer und mächtiger. Gott wurde als ein zusätzlicher Baustein in der Welt begriffen. Vielfach wurde und wird auch bei den Kritikern der Religion Gott als „Supermann“ gedacht, an den man sich wenden kann, wenn es um Reparaturarbeiten im Weltsystem oder um Anklagen vor dem Gerichtshof der Vernunft angesichts der miserablen Performance der Welt geht.
Das Problem dabei: Wenn Gott ein „Ding“ neben anderen Dingen ist, gerät er in Konflikt mit der Welt. Wenn Gott eingreift, müsste er die Naturgesetze beiseite schieben (wie ein Billardspieler, der plötzlich von außen einen Ball bewegt). Das macht ihn für die moderne Vernunft unglaubwürdig, sprich inakzeptabel. Diese alte Sicht bezeichnet man auch als substanzmetaphysisch. Gott wird nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung als Systembestandteil gedacht.
Das neue Denken: Gott als „Hintergrund“ oder „Horizont“
Der Fortschritt besteht nun darin, die Welt als Relation (Beziehung) zu verstehen. Das Erste in der Welt ist folglich nicht die Substanz, sondern die Relation. Stellen Sie sich ein Lied vor: Das Lied besteht aus Tönen. Aber das Lied existiert nicht „neben“ den Tönen. Es ist die Art und Weise, wie die Töne zusammenwirken. Oder noch besser: Die Welt ist wie ein Lichtstrahl, der komplett von einer Quelle abhängt.
Die neue Sicht: Gott ist kein „Teil“ der Welt, sondern der Grund, warum überhaupt etwas da ist. Die Welt ist „Beziehung auf Gott“. Gott ist somit kein Gegenüber zur Welt, sondern die Welt geht ganz darin auf, ohne die Relation auf das restlos Andere ihrer selbst nicht sein zu können. Gott und Welt sind nicht wie zwei Personen in einem Raum, sondern eher wie der Autor und die Geschichte. Der Autor taucht nicht physisch in der Geschichte auf, aber ohne ihn gäbe es kein einziges Wort.
Diese neue Sicht bezeichnet man als relationalontologisch. Gott fällt nicht unter Begriffe; er ist also unbegreiflich, und wir können an der Welt nur ihr restloses Bezogensein (Relationalität) ablesen. „Geschöpflichkeit“ ist somit keine Aussage darüber, dass Gott die Welt „gemacht“ hat, sondern dass die Welt in einer restlosen Bezogenheit aufgeht.
Als anschauliches Beispiel kann der Horizont dienen. Dort, wo wir freie Sicht auf den Horizont haben, etwa am Meer, erleben wir alles, was diesseits des Horizonts liegt, als sichtbar und erreichbar. Wir können uns darauf zubewegen, es vermessen, nutzen, gestalten. Der Horizont selbst jedoch entzieht sich diesem Zugriff. So sehr wir uns ihm auch nähern – der Abstand bleibt immer gleich. Man kann ihn nicht erreichen. Der Horizont ist nicht „dort draußen“ wie ein Ding, sondern die Grenze unseres Sehens, ohne selbst gesehen werden zu können.
Diesseits des Horizonts liegt alles, was ist. Jenseits des Horizonts liegt das, was für uns „nicht ist“, weil es unserer Erfahrung entzogen bleibt. Der Horizont selbst gehört weder eindeutig zum Diesseits noch zum Jenseits. Er ist weder „vor“ noch „hinter“ den Dingen. Genau genommen ist er selbst kein Ding, wiewohl alle Dinge auf ihn bezogen sind.
4. Warum das alles verändert: Drei konkrete Beispiele
Diese neue Sichtweise löst Probleme, an denen die Theologie jahrhundertelang geknabbert hat:
- A. Das Problem mit der Wissenschaft (Wunder und Naturgesetze): Wenn Gott kein „Gegenstand“ in der Welt ist, muss er die Naturgesetze nicht „brechen“, um zu wirken. Er wirkt durch sie hindurch. Gott ist die Ursache dafür, dass die Naturgesetze überhaupt funktionieren. Dies ist ein Fortschritt, weil Glaube und Naturwissenschaft so keine Feinde mehr sind.
- B. Das Problem mit Jesus (Gott und Mensch zugleich): Wie kann ein Mensch gleichzeitig Gott sein? Das klingt logisch unmöglich. Die Lösung: Jesus ist als Mensch vollkommen „Beziehung auf Gott“. In ihm wird diese Beziehung so klarsichtig, dass man sagen kann: In diesem Menschen begegnet uns Gott selbst. Es ist nicht so, dass „ein Stück Gott“ in einen Menschenkörper gestopft wurde, sondern dass dieser Mensch vollkommen auf Gott bezogen ist und damit begründet, warum nichts in dieser Welt vergöttert werden muss. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Verweigerung jeder „Weltvergötterung“ Jesus das Leben gekostet hat – und seine „Follower“ ebenfalls das Leben kosten kann.
- C. Das Problem mit dem Leid (Theodizee): Wenn Gott ein mächtiger „Zauberer“ im Himmel wäre, müsste man ihn fragen: „Warum hast du das Erdbeben, den Tsunami, das Kinderleid nicht gestoppt?“ Die Sichtweise nach dem Fortschritt: Gott ist derjenige, der uns im Leid festhält. Er ist nicht der Reparaturdienst der Welt, sondern der Sinngrund, der uns verspricht, dass das Leid und der Tod nicht das letzte Wort haben. Das ist eine tiefere, wenn auch schwerere Antwort als die Suche nach einem „Zauberer“ oder einem „Gott-Schuldigen“.
5. Der existenzielle Kern: Die Befreiung von der Angst
Warum machen wir das Ganze? Theologie ist kein Hobby für dumme Köpfe, sondern sie hat ein Ziel: den Menschen glücklicher und freier zu machen. Solche Versuche müssen sehr vorsichtig geschehen, denn Religionen (wie auch andere Weltanschauungen) sind bei ihren Versuchen, zu Glück und Freiheit zu führen, oft in maximaler Unmenschlichkeit gelandet.
Bei einem solchen Versuch ist das menschliche Hauptproblem immer die Angst um sich selbst. Wir sind verletzlich. Wir wissen, dass wir sterben müssen. Wir haben Angst, zu kurz zu kommen, vergessen zu werden oder wertlos zu sein. Aus dieser Angst entsteht fast alles Böse: Gier, Neid, Gewalt und Egoismus.
Der theologische Fortschritt hilft hier so: Wenn wir verstehen, dass wir „Beziehung auf Gott“ sind, dann bedeutet das: Wir sind gewollt und gehalten von einer Macht, die größer ist als der Tod. Glaube ist die Gewissheit: „Ich muss mich nicht selbst retten, ich bin schon gerettet, weil es mir in einem Menschen zugesagt ist.“ Das befreit den Menschen. Wer keine Angst mehr um sich selbst haben muss, kann anfangen, andere wirklich zu lieben.

6. Kritik an der heutigen Kirche
Zu einer solchen Einsicht gelangt man nicht durch starke Bemühungen der Selbstoptimierung oder allein durch ein Theologiestudium, wiewohl Letzteres hilfreich sein kann. Glaube entsteht durch Hören. Die Gemeinschaft, die die Botschaft von der Angstentmachtung weiterzusagen hat – die Kirche –, ist leider oft in eigener Angst und den daraus entstandenen geschichtlichen Verfehlungen gefangen.
Die Kirche steckt in einer Krise, weil sie ihre Botschaft oft nicht mehr verständlich erklärt. Vieles, was heute gepredigt wird, ist „pseudofromm“ oder flüchtet sich in einen alten Fundamentalismus. Man tut so, als gäbe es die Fragen der modernen Welt nicht. Das ist ein Zeichen von Unglauben! Wer wirklich glaubt, muss keine Angst vor der Vernunft haben.
Fazit: Was bleibt?
Theologischer Fortschritt ist kein Verrat an der Tradition. Im Gegenteil: Er ist die einzige Möglichkeit, die Tradition am Leben zu erhalten. Echter Fortschritt bedeutet:
- Ehrlichkeit: Widersprüche nicht übertünchen, sondern lösen.
- Klarheit: Gott nicht als „Ding“ missverstehen, sondern als den unbegreiflichen „Horizont“ unserer Existenz.
- Wirkung: Eine Theologie zu betreiben, die den Menschen die Angst nimmt und sie zur Liebe befreit.
Theologie muss fortschrittlich sein, indem sie „prophetisch“ ist – sie muss die alten Sätze so neu sagen, dass sie heute wieder als das verstanden werden, was sie eigentlich sein wollen: eine Frohbotschaft, die den Verstand nicht ausschaltet, sondern ihn zum Leuchten bringt.
Um zum Bild unseres Hauses vom Anfang zurückzukehren: Wir müssen ein altes Haus nicht gleich platt machen, nur um darin modern leben zu können. Das Fundament trägt – es ist solide. Aber wir müssen heute die morschen Bretter des alten Denkens herausreißen und die Räume so umgestalten, dass auf diesem 2000 Jahre alten Fundament modernes Wohnen möglich wird. Fortschritt bedeutet, das Haus der Theologie so zu sanieren, dass der moderne Mensch darin kein verstaubtes Museum besucht, sondern ein Zuhause findet, in dem er wirklich aufatmen kann.

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