Kategorie: Theologie

  • Wie klingt das Wort Gottes?

    Wie klingt das Wort Gottes?

    Das Wort Gottes, das Klang wird: Johann Sebastian Bach (1685-1750) 

    Johann Sebastian Bach wird oft als der „fünfte Evangelist“ bezeichnet – und das mit gutem Grund. Seine Kantaten sind weit mehr als eine musikalische Auslegung der Schrift; sie sind vertonte Verkündigung. In ihnen wird die Theologie nicht zum Gegenstand der Unterhaltung, sondern zur unmittelbaren „Zusage“ des Heils. Doch wie trifft diese Zusage einen Menschen der Moderne, der sich – wie der jüngst verstorbene Philosoph Jürgen Habermas (1929-2026) – als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet?

    Habermas konstatierte damit ein Fehlen jener Resonanzfähigkeit für das Religiöse, die in Bachs Welt noch das Fundament allen Seins war. Doch gerade hier entfaltet Bachs Werk seine ganze Kraft:

    • Jenseits der Begrifflichkeit: Wo das Wort allein bei dem „Unmusikalischen„ vielleicht an kognitive Grenzen stößt, tritt die Musik als „Gnadenmittel“ auf den Plan. In „Erschallet, ihr Lieder“ (BWV 172) machen die drei Trompeten die Trinität physisch spürbar. Sie adressieren nicht das theologische Wissen, sondern die nackte Existenz.
    • Die Ordnung gegen das Chaos: In „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 190) spiegeln die polyphonen Strukturen eine Ordnung der Schöpfung wider, die auch den säkularen Hörer in eine Form des „Gehaltenseins“ hineinzieht, die er sich selbst nicht geben kann.

    Bachs Partituren sind klingende Predigten, die im Hören das bewirken, was sie besingen. Sie setzen kein vorgefertigtes Gottesverhältnis voraus, sondern sie stiften es im Moment des Erklingens. In diesem Sinne ist Bachs Musik im höchsten Maße sakramental: Sie ist nicht bloßes Zeichen, sondern sie vergegenwärtigt die zugesagte Gemeinschaft Gottes (Joh 14,23).

    Selbst für den „religiös Unmusikalischen“ wird Bach so zu einer Brücke. Nicht, weil die Musik ihn „achtsam“ für sich selbst macht, sondern weil sie ihn mit einer Liebe und einer Treue konfrontiert, die extra nos – außerhalb seiner selbst – liegt und ihn trotz seiner modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen direkt anspricht.

    Konzert UniChor: „Erschallet, ihr Lieder!“ 16.07.22

    Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!

    Festliche Kantaten von J. S. Bach

    „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“  (BWV 172)
    „Singet dem Herrn ein neues Lied“  (BWV 190)
    „Ich bin vergnügt in meinem Glücke“  (BWV 84)

    Ausführende:

    Annemarie Pfahler, Sopran
    Luca Segger, Altus
    Fabian Kelly, Tenor
    Julian Clement, Bass

    UniChor Mainz
    Neumeyer Consort

    Leitung: Felix Koch

    (Erstes Konzert des UniChores Mainz nach der Corona-Pandemie 16. Juli 2022 in der Lutherkirche Wiesbaden)

    1. Singet dem Herrn ein neues Lied

    (BWV 190)

    Anlass: Neujahr (Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu)

    Theologisch markiert dieses Werk die Schwelle zwischen dem Gestern und dem Morgen. In der lutherischen Orthodoxie des 18. Jahrhunderts war das Neujahrsfest eng mit dem Namen Jesu verbunden.

    • Dankbarkeit und Vertrauen: Der Rückblick auf das vergangene Jahr ist von Dankbarkeit geprägt, während der Ausblick in die Zukunft das Gottvertrauen ins Zentrum stellt. Das „neue Lied“ (Psalm 149 & 150) ist hier nicht nur eine musikalische Anweisung, sondern ein Ausdruck der Erneuerung durch Christus.
    • Das Te Deum: Bach integriert den lutherischen Lobgesang „Herr Gott, dich loben wir“. Damit stellt er das individuelle Schicksal des Gläubigen in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte.
    • Die Bitte um Segen: Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Es geht um die biblische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Der Anlass: Die Schwelle zum Neuen Jahr unter dem Namen Jesu:

    Die Kantate BWV 190 wurde für den Neujahrstag komponiert, der in der lutherischen Tradition des 18. Jahrhunderts untrennbar mit dem Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu verbunden war. Damit markiert das Werk eine existentielle Schwelle: Der Übergang vom Gestern zum Morgen wird hier nicht als rein zeitlicher Fortschritt verstanden, sondern als ein Schritt unter die Herrschaft Christi.

    Glaube als Schutzraum:

    Der Name „Jesus“ als Kern der Wirklichkeit Zentral für das Verständnis dieser Kantate ist die Erkenntnis, dass Bach hier kein christlich verbrämtes „positives Denken“ vertritt. In BWV 190 geht es nicht um die psychologische Fähigkeit, optimistisch in die Zukunft zu blicken, sondern um den Glauben als ein „Festmachen“ an einer objektiven Zusage. Einer Zusage, die uns in der Geschichte und in jedem guten zwischenmenschlichen Wort begegnet. Der Glaube kommt vom Hören dieses Wortes.  Der Name „Jesus“ (Jeschua = Der Herr rettet) ist der theologische Kern: Dieser Name bildet den neuen Schutzraum des Lebens. Glauben heißt hier, sich mit der eigenen Existenz an die im Wort Christi zugesagte Wirklichkeit zu halten – ein Vertrauen, das kein diffuses Gefühl ist, sondern das Ankern in einer neuen Lebenswirklichkeit.

    Das „neue Lied“:

    Reaktion statt Aktion Das „neue Lied“ (nach Psalm 149 und 150) ist weit mehr als eine musikalische Anweisung; es ist der Ausdruck einer Erneuerung, die den Menschen von außen (extra nos) trifft. Bei Bach ist der Mensch primär ein Hörender und Antwortender. Das Singen ist kein eigenmächtiges Tun, sondern die unvermeidliche Reaktion auf die Treue Gottes und die Erfahrung seiner Gegenwart. Es ist die Antwort der Kreatur auf die schöpferische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Das Te Deum:

    Einbindung in die Heilsgeschichte Durch die Integration des lutherischen Lobgesangs „Herr Gott, dich loben wir“ (Te Deum) weitet Bach den Blick: Das individuelle Schicksal des Gläubigen am Jahreswechsel wird aus seiner Isolierung befreit und in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte gestellt.

    Die Bitte um den bleibenden Segen

    Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Dies ist keine vage Hoffnung, sondern die Inanspruchnahme der göttlichen Zusage. In der Ordnung der polyphonen Strukturen spiegelt sich jene unerschütterliche Ordnung der Schöpfung wider, in der der Mensch durch den Namen Jesu seinen sicheren Platz findet.

    2. Erschallet, ihr Lieder (BWV 172)

    Anlass: Pfingstsonntag

    Diese Kantate ist eine der prächtigsten musikalischen Darstellungen der Pfingsttheologie. Ihr zentrales Thema ist die Realpräsenz Gottes im Geist: Gott bleibt kein fernes Prinzip, sondern wird zum innersten Gegenüber des Menschen.

    Die Verheißung: Das Herz als „Hütte“ Gottes

    Das theologische Herzstück ist das Wort Jesu aus Johannes 14,23:

    Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“

    Bach vertont hier die Unio Mystica (die geheimnisvolle Vereinigung). Das menschliche Herz wird zum Tempel, zur „Hütte“ für den Schöpfer. Das ist kein distanziertes Gottesbild, sondern eines der extremen Nähe und Gemeinschaft: In wem Gott wohnt, der wohnt in Gott. Im berühmten Duett zwischen Sopran (Seele) und Alt (Heiliger Geist) wird diese Sehnsucht nach Vereinigung fast physisch spürbar. Die Musik illustriert das Wirken des Geistes nicht als abstrakte Kraft, sondern als Tröster und belebendes Element.

    Kontrast zur Moderne: Performativer Akt statt Selbstoptimierung

    In unserer heutigen Lesart neigen wir dazu, die Qualität des „inneren Raums“ psychologisch zu deuten. In einer lauten, digitalen Welt erscheint die Idee der „Seele als Tempel“ zwar hochaktuell – doch Bachs Theologie geht weit über moderne Achtsamkeitspraktiken hinaus:

    Kein Wellness-Programm: Das Zitat aus Johannes 14,23 ist bei Bach kein Vorschlag zur Selbstoptimierung. Es ist ein „performativer Akt“: Wenn Gott sagt, er mache Wohnung im Menschen, dann geschieht das durch das Wort selbst. Stellen Sie sich vor – Gott spricht und wir verstehen ihn! 

    Extra Nos (Das Heil von außen): In der christlichen Tradition liegt das Heil niemals im Menschen oder in seiner Fähigkeit zur Versenkung. Es liegt „extra nos“ – außerhalb von uns – in Christus. Bachs Musik führt uns daher nicht tiefer in die Selbstbezogenheit, sondern befreit uns zu einer neuen Aufmerksamkeit für das Leben und die Lebendigkeit.

    Gnade statt Technik: Wir „bauen“ keine Wohnung für Gott durch Meditation oder Atemtechniken. Er kommt und ist da durch sein Wort, das wir im Glauben annehmen. Die Musik bildet nicht die Anstrengung des Menschen ab, Gott zu finden, sondern die überbordende Freude darüber, dass man gefunden wurde.

    Die Radikalität der Abhängigkeit

    Man kann diese Kantate als „schöne Musik“ genießen, aber ihre innere Architektur erschließt sich erst, wenn man das Gegenüber akzeptiert. Die Musik will uns nicht zu uns selbst führen, sondern uns von uns selbst weg – hin zu dem Gott, der uns in seiner Liebe birgt.Die zugesagte Gemeinschaft ist das Primäre; die Aufmerksamkeit für die Welt ist lediglich die Frucht, nicht die Wurzel. Es ist vielleicht genau diese Radikalität – dieses völlige Angewiesen-Sein auf ein äußeres Wort –, die Bachs Musik heute so provokant und gleichzeitig so unendlich tröstlich macht.

    3. Ich bin vergnügt mit meinem Glücke (BWV 84) Sopran Arie: „Ich esse mit Freuden mein weniges Brot“

    Die gesamte Kantate BWV 84, die Bach 1727 für den Sonntag Septuagesima komponierte, dreht sich um das Thema Zufriedenheit (Vergnügsamkeit). Der Text basiert auf dem Evangelium des Tages, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, in dem es um göttliche Gnade und menschlichen Neid geht. Bachs Werk ist ein Plädoyer dafür, das eigene Schicksal dankbar aus Gottes Hand anzunehmen, ohne auf andere zu schielen.

    Diese Sopran-Arie ist das emotionale Herzstück der Kantate.

    Spirituelle Botschaft: Das „wenige Brot“ symbolisiert ein einfaches, materiell bescheidenes Leben. Die Freude rührt nicht vom Reichtum her, sondern von einem reinen Gewissen und dem Vertrauen auf Gott. Es ist die Darstellung eines „stillen Glücks“.

    Musikalische Gestaltung: Bach wählt hier eine Besetzung mit Sopran, Oboe und Streichern. Die Oboe spielt oft verspielte, fast vogelartige Motive, die eine ländliche, unbeschwerte Idylle suggerieren. Der Rhythmus ist tänzerisch und leicht, was die innere Fröhlichkeit des Gläubigen unterstreicht.

    Während BWV 172 die Architektur der Innenwelt beschreibt, zeigt uns die Solokantate BWV 84 („Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“), wie dieser Zuspruch in den Alltag einsickert. In der Arie ‚Ich esse mit Freuden mein weniges Brot‘ vertont Bach eine Form der Genügsamkeit, die radikaler ist als jede moderne Konsumkritik. Diese Freude speist sich nicht aus dem Besitz, sondern aus der Geborgenheit in dem, was Gott für den Menschen vorgesehen hat, seine Bestimmung: Gemeinschaft mit Gott. Hier wird die Musik zum wirksamen Mittel, das – wie es im Text heißt – ‚die Not verzuckert‘. Es ist die klanggewordene Freiheit eines Menschen, der nichts mehr beweisen muss, weil er sich bereits beschenkt weiß.

    In dem Video der J.S. Bach-Stiftung ist die Sopranistin Gerlinde Sämann zu hören. Sie gilt als eine der profiliertesten Interpretinnen im Bereich der Alten Musik und zeichnet sich durch mehrere bemerkenswerte Merkmale aus:

    Besondere Merkmale der Sängerin

    • Stimmliche Reinheit: Gerlinde Sämann ist bekannt für ihre außergewöhnlich klare und „ätherisch schwebende“ Stimme. Ihr Timbre wird oft als „engelhaft“ und von seltener Reinheit beschrieben.
    • Musikalische Intensität: Ihr Gesang zeichnet sich durch eine besondere „Innerlichkeit“ und emotionale Tiefe aus. Kritiker loben ihre Fähigkeit, geistliche Texte mit einer fast überirdischen Präsenz zu füllen.
    • Blindheit und Professionalität: Eine einzigartige Besonderheit ist, dass Gerlinde Sämann von Geburt an sehbehindert ist und als Jugendliche ihr Augenlicht vollständig verlor.
      • Sie erarbeitet sich ihre komplexen Partien mithilfe von Braillenoten, die sie mit den Fingern erfühlt.
      • Auf der Bühne nutzt sie diese Punktschrift-Noten oft als Orientierungshilfe; die ruhige Bewegung ihrer Hand über die Notenblätter gilt als eines ihrer „Markenzeichen“.
    • Hohe Auszeichnungen: Für ihren herausragenden Einsatz in der geistlichen Musik wurde ihr erst kürzlich der Preis der Europäischen Kirchenmusik 2025 zugesprochen.

    Dass sie trotz ihrer Erblindung auf diesem Weltklasseniveau agiert, verleiht ihren Auftritten oft eine ganz besondere Konzentration und eine tiefe Verbindung zum Ensemble, die über den rein visuellen Kontakt hinausgeht.

    Um das Video anzuschauen bitte markieren und mit Rechtsklick zu Link in Youtube öffnen:

    4. Jauchzet, frohlocket (BWV 248/I)

    Anlass: 1. Weihnachtstag (Teil I des Weihnachtsoratoriums)

    Obwohl technisch der Beginn eines zyklischen Großwerks, fungiert dieser erste Teil wie eine eigenständige, festliche Kantate zum Christfest. Er etabliert das fundamentale Paradox der christlichen Botschaft: Der Glanz des Himmels trifft auf die Armseligkeit der Erde.

    Das inkarnatorische Paradox: Die Erniedrigung des Königs

    Das theologische Hauptthema ist die Menschwerdung Gottes (Inkarnation). Bach setzt hier musikalisch auf einen maximalen Kontrast:

    • Der Ruf: Pauken und Trompeten rufen zum Lobpreis des „Königs“ auf. Die Musik ist herrschaftlich, brillant und fordernd.
    • Die Realität: Die biblische Erzählung (nach Lukas 2) führt jedoch weg vom Thronsaal direkt in den Stall, zur Krippe und zu den Windeln.

    Dieser „Große Tausch“ ist lutherische Theologie in ihrer reinsten Form: Gott wird arm, damit wir reich werden; er wird Mensch, damit wir zu Gott kommen können. Das „Jauchzen“ ist somit die emotionale Antwort der Menschheit auf dieses unbegreifliche Wunder.

    Zion als Braut: Mystische Hochzeit

    In der Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ wird die Gemeinde aufgefordert, sich wie eine Braut auf ihren Bräutigam vorzubereiten. Weihnachten wird hier als mystische Hochzeit zwischen Himmel und Erde verstanden. Es geht nicht um ein historisches Gedenken, sondern um eine gegenwärtige Herzensbeziehung.

    Heutige Lesart: Die Würde des Verletzlichen

    Für den modernen Menschen, der oft im Hamsterrad von Perfektionismus und Erfolgszwang gefangen ist, bietet dieses Werk eine radikale Befreiung:

    • Absage an den Perfektionismus: Dass das „Höchste“ im „Niedrigsten“ erscheint, entlarvt unsere Machtbesessenheit. Das Wertvolle im Leben liegt oft nicht im messbaren Erfolg, sondern in den Momenten der eigenen Schwachheit und Armseligkeit.

    Blickwechsel: Befreiung aus der Selbstbezogenheit

    Der entscheidende theologische Punkt ist die neue Aufmerksamkeit. Wenn das Oratorium mit diesem gewaltigen Ruf beginnt, ist das eine Einladung zur Extase im wörtlichen Sinne (Heraus-treten aus sich selbst). Weil Gott in die Welt kommt, muss der Mensch nicht mehr krampfhaft in sich selbst hineinstarren (incurvatus in se), um Sinn oder Erlösung zu finden. Er wird frei, die Welt und den Nächsten neu wahrzunehmen.

    Geborgenheit in der Schwachheit: Die „Krippe“ wird zum Ort, an dem die Angst ihre Macht verliert. Nicht, weil wir plötzlich übermenschlich mutig werden, sondern weil Gott sich in die menschliche Verletzlichkeit hineinbegeben hat. Das schafft eine Existenzgrundlage, die tiefer gründet als jede psychologische Stabilität: die reine, unverdiente Zusage.

    Mitschnitt aus einer Chorprobe des UniChores Mainz mit UniOrchester. Hier der Eröffnungschor Weihnachtsoratorium zum Anschauen:

    Warum Bach auch ohne expliziten Glauben wirkt

    Der Dirigent John Eliot Gardiner (Music in the Castle of Heaven, 2013) beschreibt Bachs Musik als eine Kraft, die die „Tiefenschichten der menschlichen Psyche“ unmittelbar erreicht. Doch warum „funktioniert“ diese Musik auch bei Menschen, denen der traditionelle Zugang zum Glauben fehlt? Es gibt drei Ebenen, auf denen Bachs Werk für moderne Hörer zur Heimat werden kann:

    1. Die Musik als „Sicherer Hafen“ (Kosmische Ordnung) 

    Die mathematische Strenge und architektonische Klarheit von Bachs Kompositionen – für ihn selbst ein Abbild der göttlichen Weltordnung – wirken auf heutige Hörer oft wie ein Anker. In einer als fragmentiert und chaotisch erlebten Welt vermittelt die Struktur einer Fuge ein tiefes Gefühl von Gehaltensein. Die Musik ist hier kein dekoratives Element, sondern ein stabiles Fundament, das Standfestigkeit schenkt.

    2. Säkularisierte Mystik und Transzendenz 

    Bach führt den Hörer an die Grenzen des Sagbaren. Viele erleben in seiner Musik das, was die Psychologie „Gipfelerfahrungen“ nennt: Eine Form von säkularer Mystik, in der man eine Verbindung zu etwas spürt, das das eigene Ich übersteigt – sei es die Unendlichkeit der Kunst oder die Tiefe der Menschheitsgeschichte. Die Musik öffnet einen Raum für das Unverfügbare, ohne den Hörer sofort auf ein Dogma zu verpflichten.

    3. Die Radikalität der Ur-Emotionen 

    Bachs nimmt Texte die von einer hochemotionalen Sprache geprägt sind. Sie verhandeln existenzielle Ur-Erfahrungen: Sehnsucht, Angst, Erleichterung und Schmerz. Diese Affekte sind zeitlos. Man muss nicht die Lehre von der Trinität durchdrungen haben, um die existentielle Befreiung nachzuempfinden, die in einer Arie wie „Bereite dich, Zion“ mitschwingt.

    Bach trifft Habermas: Das Ende der Sprachlosigkeit

    Der Philosoph Jürgen Habermas beschrieb sich selbst als „religiös unmusikalisch“. Er steht damit stellvertretend für die moderne Existenz: Man hat zwar Respekt vor der „semantischen Energie“ der Religion und spürt, dass dort wichtige Wahrheiten lagern, kann aber den „Glaubenssprung“ intellektuell nicht mehr vollziehen.

    Bach als der ultimative „Übersetzer“ Hier liegt die radikale Antwort Bachs: Seine Musik ist die Übersetzung des Religiösen, die direkt ins Herz trifft, ohne den Umweg über den Verstand nehmen zu müssen. Wenn es stimmt, dass Bachs Musik sakramental wirkt – also das bewirkt, was sie besingt –, dann ist sie die Antwort auf Habermas’ Skeptizismus:

    • Zuspruch statt Begründung: Während der Philosoph nach vernünftigen Begründungen sucht, bietet Bach den Zuspruch.
    • Das Wasser und die Welle: Man muss nicht „religiös musikalisch“ sein, um von einer Welle getragen zu werden; es genügt, im Wasser zu sein. Bachs Musik ist dieses Wasser. Sie umspült den Hörer mit einer Geborgenheit, die auch dem „Tauben“ und dem Zweifler gilt.

    Theologischer Nachgedanke Bachs Musik fordert keine religiöse Begabung. Sie begegnet der modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen nicht mit Forderungen, sondern mit einem Angebot. Seine Antwort auf die menschliche Unzulänglichkeit ist das klanggewordene Versprechen einer Liebe, die bereits da ist, bevor wir sie benennen können.Tipp für den heutigen Zugang: Versuchen Sie beim Hören, das Wort „Gott“ nicht als eine ferne Person zu denken, sondern als jene objektive Instanz des absolut Guten, Wahren und Schönen, die uns von außen begegnet. Plötzlich verwandeln sich die Kantaten von historischen Dokumenten in hochaktuelle Meditationen über das, was unser Menschsein im Innersten zusammenhält.

    (Mitschnitt gesamtes Konzert des UniChores Mainz vom 16.07.2022)

  • SCIENCE – SLAM – THEOLOGIE

    SCIENCE – SLAM – THEOLOGIE

    Der folgende Beitrag ist fiktional: Ich stelle mir vor, ich bin aufgefordert worden, bei einem Science Slam Theologie teilzunehmen.

    Ich stelle mir weiterhin vor, was sage ich zum Thema: Was bedeutet Fortschritt in der Theologie?

    Wie gesagt, fiktional. Ich bin nie gefragt worden und werde wohl nie gefragt werden. Die Fragestellung ist trotzdem interessant und es schadet ja nichts, sich schon mal Gedanken zu diesem Thema gemacht zu haben.

    Was bedeutet Fortschritt in der Theologie?

    Versuch einer verständlichen Analyse eines Grundproblems der Theologie als Wissenschaft 

    Von Eckhard Türk

    1. Das Grundproblem: Stillstand oder Weiterentwicklung?

    Stellen wir uns die Theologie wie ein altes Haus vor. Die Fundamente – die Bibel und die Lehren der frühen Kirche – stehen seit fast 2000 Jahren fest. Viele Menschen glauben deshalb, Theologie sei eine „tote“ Wissenschaft: Man könne nichts Neues entdecken, sondern nur das Alte wiederholen. Auch scheint die Offenbarung Gottes – außer in sogenannten Neuoffenbarer-Gruppierungen – nichts Neues mehr mitzuteilen.

    Diesem Vorurteil möchte ich massiv widersprechen. Fortschritt in der Theologie kann nicht bedeuten, das Fundament abzureißen, sondern die Fragen der heutigen Zeit auf diesem Fundament besser zu beantworten – und damit auch das Fundament besser verstehen und übersetzen zu können. Fortschritt ist kein Sammeln von alten Sätzen, sondern das Lösen von Problemen.

    2. Wie Wissenschaft wirklich funktioniert (Das Vorbild)

    Bevor ich zur Theologie  und ihren Fragen komme, möchte ich erklären, wie moderner Fortschritt überhaupt entsteht. Ich beziehe mich dabei auf den Kritischen Rationalismus und die Idee Karl Poppers:

    • Wissenschaft beginnt nicht mit Beobachtung, sondern mit einem Problem.
    • Ein Problem entsteht, wenn unsere Erwartung enttäuscht wird oder wenn sich zwei Aussagen widersprechen (z. B.: „Gott ist gut“ vs. „Es gibt schreckliches Leid“).
    • Fortschritt passiert dann, wenn wir eine alte, schwache Erklärung durch eine neue, stärkere ersetzen, die weniger Widersprüche aufweist.

    Wissenschaft ist also wie ein ständiges „Ausmisten“ von Irrtümern. Und genau das muss auch die Theologie tun. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich im fundamentalen Gebäude der Theologie so manches angehäuft, das „ausgeräumt“ oder zumindest „umgeräumt“ gehört.

    3. Der große „Umbau“: Von Dingen zu Beziehungen

    Um das tun zu können, schlage ich einen radikalen Umbau, besser gesagt einen Perspektivwechsel in der Theologie vor. Ich stütze mich hierbei auf die theologischen Einsichten meines Lehrers Peter Knauer SJ (* 5. Februar 1935; † 21. Juli 2024). Er war Fundamentaltheologe und insofern von Berufswegen mit dem „Umbau“ der Theologie befasst.

    Das alte Denken: Gott als „Super-Ding“

    Früher (und oft auch heute) dachte man Gott wie einen Gegenstand oder eine Person, die irgendwo „da draußen“ existiert – nur eben viel größer und mächtiger. Gott wurde als ein zusätzlicher Baustein in der Welt begriffen. Vielfach wurde und wird auch bei den Kritikern der Religion Gott als „Supermann“ gedacht, an den man sich wenden kann, wenn es um Reparaturarbeiten im Weltsystem oder um Anklagen vor dem Gerichtshof der Vernunft angesichts der miserablen Performance der Welt geht.

    Das Problem dabei: Wenn Gott ein „Ding“ neben anderen Dingen ist, gerät er in Konflikt mit der Welt. Wenn Gott eingreift, müsste er die Naturgesetze beiseite schieben (wie ein Billardspieler, der plötzlich von außen einen Ball bewegt). Das macht ihn für die moderne Vernunft unglaubwürdig, sprich inakzeptabel. Diese alte Sicht bezeichnet man auch als substanzmetaphysisch. Gott wird nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung als Systembestandteil gedacht.

    Das neue Denken: Gott als „Hintergrund“ oder „Horizont“

    Der Fortschritt besteht nun darin, die Welt als Relation (Beziehung) zu verstehen. Das Erste in der Welt ist folglich nicht die Substanz, sondern die Relation. Stellen Sie sich ein Lied vor: Das Lied besteht aus Tönen. Aber das Lied existiert nicht „neben“ den Tönen. Es ist die Art und Weise, wie die Töne zusammenwirken. Oder noch besser: Die Welt ist wie ein Lichtstrahl, der komplett von einer Quelle abhängt.

    Die neue Sicht: Gott ist kein „Teil“ der Welt, sondern der Grund, warum überhaupt etwas da ist. Die Welt ist „Beziehung auf Gott“. Gott ist somit kein Gegenüber zur Welt, sondern die Welt geht ganz darin auf, ohne die Relation auf das restlos Andere ihrer selbst nicht sein zu können. Gott und Welt sind nicht wie zwei Personen in einem Raum, sondern eher wie der Autor und die Geschichte. Der Autor taucht nicht physisch in der Geschichte auf, aber ohne ihn gäbe es kein einziges Wort.

    Diese neue Sicht bezeichnet man als relationalontologisch. Gott fällt nicht unter Begriffe; er ist also unbegreiflich, und wir können an der Welt nur ihr restloses Bezogensein (Relationalität) ablesen. „Geschöpflichkeit“ ist somit keine Aussage darüber, dass Gott die Welt „gemacht“ hat, sondern dass die Welt in einer restlosen Bezogenheit aufgeht.

    Als anschauliches Beispiel kann der Horizont dienen. Dort, wo wir freie Sicht auf den Horizont haben, etwa am Meer, erleben wir alles, was diesseits des Horizonts liegt, als sichtbar und erreichbar. Wir können uns darauf zubewegen, es vermessen, nutzen, gestalten. Der Horizont selbst jedoch entzieht sich diesem Zugriff. So sehr wir uns ihm auch nähern – der Abstand bleibt immer gleich. Man kann ihn nicht erreichen. Der Horizont ist nicht „dort draußen“ wie ein Ding, sondern die Grenze unseres Sehens, ohne selbst gesehen werden zu können.

    Diesseits des Horizonts liegt alles, was ist. Jenseits des Horizonts liegt das, was für uns „nicht ist“, weil es unserer Erfahrung entzogen bleibt. Der Horizont selbst gehört weder eindeutig zum Diesseits noch zum Jenseits. Er ist weder „vor“ noch „hinter“ den Dingen. Genau genommen ist er selbst kein Ding, wiewohl alle Dinge auf ihn bezogen sind.

    4. Warum das alles verändert: Drei konkrete Beispiele

    Diese neue Sichtweise löst Probleme, an denen die Theologie jahrhundertelang geknabbert hat:

    • A. Das Problem mit der Wissenschaft (Wunder und Naturgesetze): Wenn Gott kein „Gegenstand“ in der Welt ist, muss er die Naturgesetze nicht „brechen“, um zu wirken. Er wirkt durch sie hindurch. Gott ist die Ursache dafür, dass die Naturgesetze überhaupt funktionieren. Dies ist ein Fortschritt, weil Glaube und Naturwissenschaft so keine Feinde mehr sind.
    • B. Das Problem mit Jesus (Gott und Mensch zugleich): Wie kann ein Mensch gleichzeitig Gott sein? Das klingt logisch unmöglich. Die Lösung: Jesus ist als Mensch vollkommen „Beziehung auf Gott“. In ihm wird diese Beziehung so klarsichtig, dass man sagen kann: In diesem Menschen begegnet uns Gott selbst. Es ist nicht so, dass „ein Stück Gott“ in einen Menschenkörper gestopft wurde, sondern dass dieser Mensch vollkommen auf Gott bezogen ist und damit begründet, warum nichts in dieser Welt vergöttert werden muss. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Verweigerung jeder „Weltvergötterung“ Jesus das Leben gekostet hat – und seine „Follower“ ebenfalls das Leben kosten kann.
    • C. Das Problem mit dem Leid (Theodizee): Wenn Gott ein mächtiger „Zauberer“ im Himmel wäre, müsste man ihn fragen: „Warum hast du das Erdbeben, den Tsunami, das Kinderleid nicht gestoppt?“ Die Sichtweise nach dem Fortschritt: Gott ist derjenige, der uns im Leid festhält. Er ist nicht der Reparaturdienst der Welt, sondern der Sinngrund, der uns verspricht, dass das Leid und der Tod nicht das letzte Wort haben. Das ist eine tiefere, wenn auch schwerere Antwort als die Suche nach einem „Zauberer“ oder einem „Gott-Schuldigen“.

    5. Der existenzielle Kern: Die Befreiung von der Angst

    Warum machen wir das Ganze? Theologie ist kein Hobby für dumme Köpfe, sondern sie hat ein Ziel: den Menschen glücklicher und freier zu machen. Solche Versuche müssen sehr vorsichtig geschehen, denn Religionen (wie auch andere Weltanschauungen) sind bei ihren Versuchen, zu Glück und Freiheit zu führen, oft in maximaler Unmenschlichkeit gelandet.

    Bei einem solchen Versuch ist das menschliche Hauptproblem immer die Angst um sich selbst. Wir sind verletzlich. Wir wissen, dass wir sterben müssen. Wir haben Angst, zu kurz zu kommen, vergessen zu werden oder wertlos zu sein. Aus dieser Angst entsteht fast alles Böse: Gier, Neid, Gewalt und Egoismus.

    Der theologische Fortschritt hilft hier so: Wenn wir verstehen, dass wir „Beziehung auf Gott“ sind, dann bedeutet das: Wir sind gewollt und gehalten von einer Macht, die größer ist als der Tod. Glaube ist die Gewissheit: „Ich muss mich nicht selbst retten, ich bin schon gerettet, weil es mir in einem Menschen zugesagt ist.“ Das befreit den Menschen. Wer keine Angst mehr um sich selbst haben muss, kann anfangen, andere wirklich zu lieben.

    6. Kritik an der heutigen Kirche

    Zu einer solchen Einsicht gelangt man nicht durch starke Bemühungen der Selbstoptimierung oder allein durch ein Theologiestudium, wiewohl Letzteres hilfreich sein kann. Glaube entsteht durch Hören. Die Gemeinschaft, die die Botschaft von der Angstentmachtung weiterzusagen hat – die Kirche –, ist leider oft in eigener Angst und den daraus entstandenen geschichtlichen Verfehlungen gefangen.

    Die Kirche steckt in einer Krise, weil sie ihre Botschaft oft nicht mehr verständlich erklärt. Vieles, was heute gepredigt wird, ist „pseudofromm“ oder flüchtet sich in einen alten Fundamentalismus. Man tut so, als gäbe es die Fragen der modernen Welt nicht. Das ist ein Zeichen von Unglauben! Wer wirklich glaubt, muss keine Angst vor der Vernunft haben.

    Fazit: Was bleibt?

    Theologischer Fortschritt ist kein Verrat an der Tradition. Im Gegenteil: Er ist die einzige Möglichkeit, die Tradition am Leben zu erhalten. Echter Fortschritt bedeutet:

    1. Ehrlichkeit: Widersprüche nicht übertünchen, sondern lösen.
    2. Klarheit: Gott nicht als „Ding“ missverstehen, sondern als den unbegreiflichen „Horizont“ unserer Existenz.
    3. Wirkung: Eine Theologie zu betreiben, die den Menschen die Angst nimmt und sie zur Liebe befreit. 

    Theologie muss fortschrittlich sein, indem sie „prophetisch“ ist – sie muss die alten Sätze so neu sagen, dass sie heute wieder als das verstanden werden, was sie eigentlich sein wollen: eine Frohbotschaft, die den Verstand nicht ausschaltet, sondern ihn zum Leuchten bringt.

    Um zum Bild unseres Hauses vom Anfang zurückzukehren: Wir müssen ein altes Haus nicht gleich platt machen, nur um darin modern leben zu können. Das Fundament trägt – es ist solide. Aber wir müssen heute die morschen Bretter des alten Denkens herausreißen und die Räume so umgestalten, dass auf diesem 2000 Jahre alten Fundament modernes Wohnen möglich wird. Fortschritt bedeutet, das Haus der Theologie so zu sanieren, dass der moderne Mensch darin kein verstaubtes Museum besucht, sondern ein Zuhause findet, in dem er wirklich aufatmen kann.

  • Neues Testament neu übersetzt – Peter Knauer SJ

    Neues Testament neu übersetzt – Peter Knauer SJ

    Ein Vermächtnis der Schriftauslegung: Das Neue Testament von Peter Knauer SJ

    Auf dieser Seite ist es mir ein besonderes Anliegen, auf das Lebenswerk meines verehrten Doktorvaters, Prof. Dr. Peter Knauer SJ (1935–2024), hinzuweisen.

    Peter Knauer hat über Jahrzehnte hinweg an einer eigenständigen Übersetzung des Neuen Testaments gearbeitet. Sein Ansatz war so radikal wie bestechend: Er wollte den griechischen Urtext (Nestle-Aland) so präzise und wörtlich wie möglich im Deutschen hörbar machen.

    Was diese Übersetzung auszeichnet:

    • Wider die „Glättung“: Knauer verzichtet bewusst auf wohlklingende, aber unpräzise deutsche Redewendungen. Er lässt die Ecken und Kanten des Urtextes stehen, um die ursprüngliche theologische Wucht zu bewahren.
    • Worttreue: Ein zentraler Begriff im Griechischen wird konsequent mit demselben deutschen Wort wiedergegeben. So werden verborgene Querverbindungen innerhalb der Evangelien und Briefe plötzlich sichtbar.
    • Einladung zum Dialog: Es war Peter Knauers ausdrücklicher Wunsch, dass diese Übersetzung nicht als abgeschlossenes Denkmal verstanden wird. Er lud dazu ein, den Text herunterzuladen, mit ihm zu arbeiten und ihn kritisch zu prüfen.

    In diesem Sinne möchte ich sein Erbe auf Ecks Libris weiterführen und Ihnen den Zugang zu dieser außergewöhnlichen Arbeit ermöglichen.

    [Link: Hier geht es zur Homepage und zum Download der NT-Übersetzung von Peter Knauer SJ] (Hinweis: Der Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

    Auf der letzten Seite von Peter Knauers Übersetzung findet sich folgendes Nachwort:

    Bewährte Regeln für Übersetzungen
    Diese Übersetzung − so könnte es im Nachhinein erscheinen − entspricht in hohem Maß den Regeln, die bereits der pietistische Exeget und Übersetzer des Neuen Testaments Johann Albrecht Bengel (1687−1752) − er gilt als Begründer der Textkritik − vorgelegt hat:

    1. Eine Übersetzung muss sich auf einen genau revidierten Originaltext gründen.
    2. Die einzige wesentliche Eigenschaft einer Übersetzung ist die Ähnlichkeit mit dem Original.
    3. Eine Übersetzung darf nicht dunkler, aber auch nicht deutlicher; nicht schwächer, aber auch nicht heftiger; nicht härter, aber auch nicht zierlicher sein als das
      Original.
    4. Eine Übersetzung muss bei uns nicht undeutsch, sie darf aber auch nicht gar zu gut deutsch sein.
    5. Eine Übersetzung soll lauter und mit anderen Sprachen auf das sparsamste vermengt sein.
    6. Wo an einer Stelle ein einzelnes Wort, oder solche Wörter, die einerlei Stammwort haben, im Original öfters wiederholt werden; und zwar so, dass die Wiederholung sich auf das Vorhergehende, auch nach einer guten Weile, bezieht, so muss die Übersetzung so viel wie möglich auch mit einerlei Wort bestritten werden. Hingegen, wo in dem Original unterschiedliche Worte sind, da soll die Übersetzung auch unterschiedliche Worte führen.
    7. Eine Übersetzung muss der Rede keine andere Emphase oder Nachdruck geben, als es im Original ist; hingegen aber auch wahre Emphasen nicht unterschlagen.
    8. Eine Übersetzung muss bei der Ordnung der Worte bleiben, soviel es die Muttersprache verträgt.
    9. Eine Übersetzung soll die Artikel, Pronome, Partikel, Tempora, Verben in der Medialform und anderes bald mit einer verständigen Freiheit, bald auf das genaueste auflegen.
    10. Gerade so gilt dann mit Bengel:
      „Wende dich ganz dem Text zu – die ganze Sache wende auf dich an [Te totum applica ad textum − rem totam applica ad te].“

  • Dazu ist der Mensch geboren

    Dazu ist der Mensch geboren

    In Christus neu geboren (2 Kor 5,17)

    _____________________________________________

    So weit wie Licht, 
    Äonen 
    alt, 
    aus allem wird der Mensch 
    Gestalt
    und immer neu 
    geboren. 
    Um andern ein Mensch 
    zu sein, 
    wird jeder Mensch 
    geboren.
    Um anderen ein Wort 
    zu sein. 
    Um Hand in des Andern Hand 
    zu sein.
    So ist er nicht verloren.

                                nach Huub Oosterhuis

    Der Rücken Christi:

    Das Mysterium des Vorausgehens

    Eine kunsthistorische und theologische Verortung des Bildes

    I. Die Ahnenreihe des Entzugs: Visionäre der Abkehr

    Dieses Bild wurde im Jahr 2025 von mir gemalt und zum darauffolgenden Jahr an Ostern mit einem Text, der Zeilen aus einem Gedicht von Huub Oosterhuis übernimmt, als ein Textbild zur Auferstehung erkannt.

    Um die kunsthistorische Radikalität des Bildes zu erklären, muss man die wenigen Momente betrachten, in denen Maler diesen Weg des Entzugs bereits beschritten haben. Die Rückenansicht Christi ist in der Ikonographie ein extrem exklusives Feld:
    Johannes vom Kreuz (16. Jahrhundert): Die Vision des Sturzes In seiner berühmten Skizze (ca. 1574) wählte der spanische Mystiker eine für seine Zeit revolutionäre Perspektive: Er blickte von schräg oben auf den Gekreuzigten. Wir sehen Christus auf den Nacken und die Schultern; er hängt schwer nach vorne, das Gesicht der Erde zugewandt. Es ist der Blickwinkel Gottes des Vaters, der auf das Opfer herabsieht. Hier ist der Rücken Ausdruck einer extremen menschlichen Schwere und des Abstiegs Gottes in das tiefste Leid.

    (c) Hemmerle, Klaus: „Der Gekreuzigte“ (Zur Federzeichnung des Johannes vom Kreuz), in: AS V, 374–380

    Salvador Dalí (1951): Die kosmische Transzendenz Dalí griff die Vision des Johannes vom Kreuz auf und schuf seinen Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz. Er entzieht uns das Gesicht, um Christus als mathematisch perfekte, über der Welt schwebende Lichtgestalt darzustellen. Doch auch hier bleibt der Fokus auf der vertikalen Distanz – wir bleiben Beobachter einer göttlichen Geometrie von oben.
    Caspar David Friedrich (19. Jahrhundert): Die Ästhetik des Erhabenen Friedrich etablierte die „Rückenfigur“ als zentrales Motiv der Romantik. Wenn er Christus (wie in seinen späten Zeichnungen um 1817) von hinten zeigt, nutzt er ihn als Identifikationsfigur. Der Betrachter wird eingeladen, sich hinter Christus einzureihen und mit ihm in die Unendlichkeit des Lichts zu blicken. Christus wird hier zum „ersten Wanderer“ in die Ewigkeit.

    II. Die Evolution des Motivs: Das Prinzip des Motivzitats

    Die Relevanz dieses Werkes von 2025 zeigt sich besonders im Hinblick auf das Prinzip der Motiv-Folge, wie es beispielsweise in der Monet-Ausstellung des Frankfurter Städels („Monets Küste“) eindrucksvoll dokumentiert wurde. Dort wird sichtbar, wie Maler Motive ihrer Vorgänger – etwa ein markantes Felsentor – übernehmen, um sie in ihrer eigenen Zeit neu aufzuladen und weiterzuentwickeln.
    In dieser Tradition steht auch die vorliegende Arbeit: Sie übernimmt das überlieferte Motiv des Gekreuzigten, vollzieht aber durch die Wahl der Rückenansicht eine entscheidende Transformation. Es geht nicht um die Wiederholung des Bekannten, sondern um die Weiterführung eines kunsthistorischen Fadens, der die Darstellung Christi aus der Statik der Anbetung in die Dynamik der Bewegung überführt.

    III. Einordnung in eine „Theologie der Bestreitung“

    Das Werk findet seine tiefste Begründung in einer Theologie der Bestreitung. Diese Perspektive bricht mit der einfachen Verfügbarkeit Gottes im Bild:
    Bestreitung der visuellen Gewissheit: Wir suchen im sakralen Bild oft nach Bestätigung – nach dem Blick Christi, der uns ansieht. Dieses Werk bestreitet dieses Verlangen. Wir finden keinen Trost im Antlitz, sondern werden durch den Entzug auf den Weg verwiesen, den Christus bereits eingeschlagen hat.
    Der Deus Absconditus (Der verborgene Gott): In der Theologie der Bestreitung zeigt sich Gott oft dort, wo er uns scheinbar den Rücken kehrt. Das Bild thematisiert diesen produktiven Entzug: Gott bleibt bei uns, indem er uns vorausgeht. Der Rücken wird hier zum Zeichen einer Führung, die nicht durch Worte oder Blicke, sondern durch das tätige Vorangehen geschieht.
    Die Dynamik der Anfechtung: Die skizzenhaften, fast ätherischen Linien, die das Kreuz schneiden, wirken wie Kraftfelder. Sie beschreiben Christus nicht als fixierten Körper, sondern als ein Geschehen. Die Materie wird „bestritten“; sie löst sich auf zugunsten einer Bewegung, die vom Betrachter weg in die Tiefe des Raumes (zum Vater) strebt.

    IV. Das Bleiben durch das Vorangehen: Ein Resümee

    Im Gegensatz zu den historischen Vorbildern, die oft die Schwere des Leidens (Johannes vom Kreuz) oder die Distanz des Himmels (Dalí) betonten, positioniert das Werk von 2025 den Betrachter auf Augenhöhe. Die Rückenansicht macht Christus zum Wegbereiter. Er entzieht uns sein Gesicht, nicht um uns allein zu lassen, sondern um unsere Blickrichtung auf das Ziel der Erlösung zu lenken.
    Das Bild ist somit eine visuelle Umsetzung des Versprechens aus dem Johannesevangelium: „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“ (Joh 14,2). Der Rücken Christi wird zum Schild und zum Wegweiser. In der Bestreitung unserer gegenwärtigen Not weist seine Haltung auf den Weg, den er für uns bahnt.
    Es ist eine bewusste Absage an die bloße Konservierung des Schmerzes und eine künstlerische Behauptung der Hoffnung, die den Tod nicht als Endpunkt, sondern als Portal definiert.

    „Ich wollte nicht das Leid konservieren, sondern die Bewegung der Erlösung zeigen. Ein Mensch, der uns vorausgeht, zeigt uns nicht sein Gesicht, sondern den Weg.“