Das Wort Gottes, das Klang wird: Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Johann Sebastian Bach wird oft als der „fünfte Evangelist“ bezeichnet – und das mit gutem Grund. Seine Kantaten sind weit mehr als eine musikalische Auslegung der Schrift; sie sind vertonte Verkündigung. In ihnen wird die Theologie nicht zum Gegenstand der Unterhaltung, sondern zur unmittelbaren „Zusage“ des Heils. Doch wie trifft diese Zusage einen Menschen der Moderne, der sich – wie der jüngst verstorbene Philosoph Jürgen Habermas (1929-2026) – als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet?
Habermas konstatierte damit ein Fehlen jener Resonanzfähigkeit für das Religiöse, die in Bachs Welt noch das Fundament allen Seins war. Doch gerade hier entfaltet Bachs Werk seine ganze Kraft:
- Jenseits der Begrifflichkeit: Wo das Wort allein bei dem „Unmusikalischen„ vielleicht an kognitive Grenzen stößt, tritt die Musik als „Gnadenmittel“ auf den Plan. In „Erschallet, ihr Lieder“ (BWV 172) machen die drei Trompeten die Trinität physisch spürbar. Sie adressieren nicht das theologische Wissen, sondern die nackte Existenz.
- Die Ordnung gegen das Chaos: In „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 190) spiegeln die polyphonen Strukturen eine Ordnung der Schöpfung wider, die auch den säkularen Hörer in eine Form des „Gehaltenseins“ hineinzieht, die er sich selbst nicht geben kann.
Bachs Partituren sind klingende Predigten, die im Hören das bewirken, was sie besingen. Sie setzen kein vorgefertigtes Gottesverhältnis voraus, sondern sie stiften es im Moment des Erklingens. In diesem Sinne ist Bachs Musik im höchsten Maße sakramental: Sie ist nicht bloßes Zeichen, sondern sie vergegenwärtigt die zugesagte Gemeinschaft Gottes (Joh 14,23).
Selbst für den „religiös Unmusikalischen“ wird Bach so zu einer Brücke. Nicht, weil die Musik ihn „achtsam“ für sich selbst macht, sondern weil sie ihn mit einer Liebe und einer Treue konfrontiert, die extra nos – außerhalb seiner selbst – liegt und ihn trotz seiner modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen direkt anspricht.
Konzert UniChor: „Erschallet, ihr Lieder!“ 16.07.22
Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!
Festliche Kantaten von J. S. Bach
„Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“ (BWV 172)
„Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 190)
„Ich bin vergnügt in meinem Glücke“ (BWV 84)Ausführende:
Annemarie Pfahler, Sopran
Luca Segger, Altus
Fabian Kelly, Tenor
Julian Clement, BassUniChor Mainz
Neumeyer ConsortLeitung: Felix Koch
(Erstes Konzert des UniChores Mainz nach der Corona-Pandemie 16. Juli 2022 in der Lutherkirche Wiesbaden)

1. Singet dem Herrn ein neues Lied
(BWV 190)
Anlass: Neujahr (Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu)
Theologisch markiert dieses Werk die Schwelle zwischen dem Gestern und dem Morgen. In der lutherischen Orthodoxie des 18. Jahrhunderts war das Neujahrsfest eng mit dem Namen Jesu verbunden.
- Dankbarkeit und Vertrauen: Der Rückblick auf das vergangene Jahr ist von Dankbarkeit geprägt, während der Ausblick in die Zukunft das Gottvertrauen ins Zentrum stellt. Das „neue Lied“ (Psalm 149 & 150) ist hier nicht nur eine musikalische Anweisung, sondern ein Ausdruck der Erneuerung durch Christus.
- Das Te Deum: Bach integriert den lutherischen Lobgesang „Herr Gott, dich loben wir“. Damit stellt er das individuelle Schicksal des Gläubigen in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte.
- Die Bitte um Segen: Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Es geht um die biblische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“
Der Anlass: Die Schwelle zum Neuen Jahr unter dem Namen Jesu:
Die Kantate BWV 190 wurde für den Neujahrstag komponiert, der in der lutherischen Tradition des 18. Jahrhunderts untrennbar mit dem Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu verbunden war. Damit markiert das Werk eine existentielle Schwelle: Der Übergang vom Gestern zum Morgen wird hier nicht als rein zeitlicher Fortschritt verstanden, sondern als ein Schritt unter die Herrschaft Christi.
Glaube als Schutzraum:
Der Name „Jesus“ als Kern der Wirklichkeit Zentral für das Verständnis dieser Kantate ist die Erkenntnis, dass Bach hier kein christlich verbrämtes „positives Denken“ vertritt. In BWV 190 geht es nicht um die psychologische Fähigkeit, optimistisch in die Zukunft zu blicken, sondern um den Glauben als ein „Festmachen“ an einer objektiven Zusage. Einer Zusage, die uns in der Geschichte und in jedem guten zwischenmenschlichen Wort begegnet. Der Glaube kommt vom Hören dieses Wortes. Der Name „Jesus“ (Jeschua = Der Herr rettet) ist der theologische Kern: Dieser Name bildet den neuen Schutzraum des Lebens. Glauben heißt hier, sich mit der eigenen Existenz an die im Wort Christi zugesagte Wirklichkeit zu halten – ein Vertrauen, das kein diffuses Gefühl ist, sondern das Ankern in einer neuen Lebenswirklichkeit.
Das „neue Lied“:
Reaktion statt Aktion Das „neue Lied“ (nach Psalm 149 und 150) ist weit mehr als eine musikalische Anweisung; es ist der Ausdruck einer Erneuerung, die den Menschen von außen (extra nos) trifft. Bei Bach ist der Mensch primär ein Hörender und Antwortender. Das Singen ist kein eigenmächtiges Tun, sondern die unvermeidliche Reaktion auf die Treue Gottes und die Erfahrung seiner Gegenwart. Es ist die Antwort der Kreatur auf die schöpferische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“
Das Te Deum:
Einbindung in die Heilsgeschichte Durch die Integration des lutherischen Lobgesangs „Herr Gott, dich loben wir“ (Te Deum) weitet Bach den Blick: Das individuelle Schicksal des Gläubigen am Jahreswechsel wird aus seiner Isolierung befreit und in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte gestellt.
Die Bitte um den bleibenden Segen
Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Dies ist keine vage Hoffnung, sondern die Inanspruchnahme der göttlichen Zusage. In der Ordnung der polyphonen Strukturen spiegelt sich jene unerschütterliche Ordnung der Schöpfung wider, in der der Mensch durch den Namen Jesu seinen sicheren Platz findet.
2. Erschallet, ihr Lieder (BWV 172)
Anlass: Pfingstsonntag
Diese Kantate ist eine der prächtigsten musikalischen Darstellungen der Pfingsttheologie. Ihr zentrales Thema ist die Realpräsenz Gottes im Geist: Gott bleibt kein fernes Prinzip, sondern wird zum innersten Gegenüber des Menschen.
Die Verheißung: Das Herz als „Hütte“ Gottes
Das theologische Herzstück ist das Wort Jesu aus Johannes 14,23:
„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“
Bach vertont hier die Unio Mystica (die geheimnisvolle Vereinigung). Das menschliche Herz wird zum Tempel, zur „Hütte“ für den Schöpfer. Das ist kein distanziertes Gottesbild, sondern eines der extremen Nähe und Gemeinschaft: In wem Gott wohnt, der wohnt in Gott. Im berühmten Duett zwischen Sopran (Seele) und Alt (Heiliger Geist) wird diese Sehnsucht nach Vereinigung fast physisch spürbar. Die Musik illustriert das Wirken des Geistes nicht als abstrakte Kraft, sondern als Tröster und belebendes Element.
Kontrast zur Moderne: Performativer Akt statt Selbstoptimierung
In unserer heutigen Lesart neigen wir dazu, die Qualität des „inneren Raums“ psychologisch zu deuten. In einer lauten, digitalen Welt erscheint die Idee der „Seele als Tempel“ zwar hochaktuell – doch Bachs Theologie geht weit über moderne Achtsamkeitspraktiken hinaus:
Kein Wellness-Programm: Das Zitat aus Johannes 14,23 ist bei Bach kein Vorschlag zur Selbstoptimierung. Es ist ein „performativer Akt“: Wenn Gott sagt, er mache Wohnung im Menschen, dann geschieht das durch das Wort selbst. Stellen Sie sich vor – Gott spricht und wir verstehen ihn!
Extra Nos (Das Heil von außen): In der christlichen Tradition liegt das Heil niemals im Menschen oder in seiner Fähigkeit zur Versenkung. Es liegt „extra nos“ – außerhalb von uns – in Christus. Bachs Musik führt uns daher nicht tiefer in die Selbstbezogenheit, sondern befreit uns zu einer neuen Aufmerksamkeit für das Leben und die Lebendigkeit.
Gnade statt Technik: Wir „bauen“ keine Wohnung für Gott durch Meditation oder Atemtechniken. Er kommt und ist da durch sein Wort, das wir im Glauben annehmen. Die Musik bildet nicht die Anstrengung des Menschen ab, Gott zu finden, sondern die überbordende Freude darüber, dass man gefunden wurde.
Die Radikalität der Abhängigkeit
Man kann diese Kantate als „schöne Musik“ genießen, aber ihre innere Architektur erschließt sich erst, wenn man das Gegenüber akzeptiert. Die Musik will uns nicht zu uns selbst führen, sondern uns von uns selbst weg – hin zu dem Gott, der uns in seiner Liebe birgt.Die zugesagte Gemeinschaft ist das Primäre; die Aufmerksamkeit für die Welt ist lediglich die Frucht, nicht die Wurzel. Es ist vielleicht genau diese Radikalität – dieses völlige Angewiesen-Sein auf ein äußeres Wort –, die Bachs Musik heute so provokant und gleichzeitig so unendlich tröstlich macht.
3. „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“ (BWV 84) Sopran Arie: „Ich esse mit Freuden mein weniges Brot“
Die gesamte Kantate BWV 84, die Bach 1727 für den Sonntag Septuagesima komponierte, dreht sich um das Thema Zufriedenheit (Vergnügsamkeit). Der Text basiert auf dem Evangelium des Tages, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, in dem es um göttliche Gnade und menschlichen Neid geht. Bachs Werk ist ein Plädoyer dafür, das eigene Schicksal dankbar aus Gottes Hand anzunehmen, ohne auf andere zu schielen.
Diese Sopran-Arie ist das emotionale Herzstück der Kantate.
Spirituelle Botschaft: Das „wenige Brot“ symbolisiert ein einfaches, materiell bescheidenes Leben. Die Freude rührt nicht vom Reichtum her, sondern von einem reinen Gewissen und dem Vertrauen auf Gott. Es ist die Darstellung eines „stillen Glücks“.
Musikalische Gestaltung: Bach wählt hier eine Besetzung mit Sopran, Oboe und Streichern. Die Oboe spielt oft verspielte, fast vogelartige Motive, die eine ländliche, unbeschwerte Idylle suggerieren. Der Rhythmus ist tänzerisch und leicht, was die innere Fröhlichkeit des Gläubigen unterstreicht.
Während BWV 172 die Architektur der Innenwelt beschreibt, zeigt uns die Solokantate BWV 84 („Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“), wie dieser Zuspruch in den Alltag einsickert. In der Arie ‚Ich esse mit Freuden mein weniges Brot‘ vertont Bach eine Form der Genügsamkeit, die radikaler ist als jede moderne Konsumkritik. Diese Freude speist sich nicht aus dem Besitz, sondern aus der Geborgenheit in dem, was Gott für den Menschen vorgesehen hat, seine Bestimmung: Gemeinschaft mit Gott. Hier wird die Musik zum wirksamen Mittel, das – wie es im Text heißt – ‚die Not verzuckert‘. Es ist die klanggewordene Freiheit eines Menschen, der nichts mehr beweisen muss, weil er sich bereits beschenkt weiß.
In dem Video der J.S. Bach-Stiftung ist die Sopranistin Gerlinde Sämann zu hören. Sie gilt als eine der profiliertesten Interpretinnen im Bereich der Alten Musik und zeichnet sich durch mehrere bemerkenswerte Merkmale aus:
Besondere Merkmale der Sängerin
- Stimmliche Reinheit: Gerlinde Sämann ist bekannt für ihre außergewöhnlich klare und „ätherisch schwebende“ Stimme. Ihr Timbre wird oft als „engelhaft“ und von seltener Reinheit beschrieben.
- Musikalische Intensität: Ihr Gesang zeichnet sich durch eine besondere „Innerlichkeit“ und emotionale Tiefe aus. Kritiker loben ihre Fähigkeit, geistliche Texte mit einer fast überirdischen Präsenz zu füllen.
- Blindheit und Professionalität: Eine einzigartige Besonderheit ist, dass Gerlinde Sämann von Geburt an sehbehindert ist und als Jugendliche ihr Augenlicht vollständig verlor.
- Sie erarbeitet sich ihre komplexen Partien mithilfe von Braillenoten, die sie mit den Fingern erfühlt.
- Auf der Bühne nutzt sie diese Punktschrift-Noten oft als Orientierungshilfe; die ruhige Bewegung ihrer Hand über die Notenblätter gilt als eines ihrer „Markenzeichen“.
- Hohe Auszeichnungen: Für ihren herausragenden Einsatz in der geistlichen Musik wurde ihr erst kürzlich der Preis der Europäischen Kirchenmusik 2025 zugesprochen.
Dass sie trotz ihrer Erblindung auf diesem Weltklasseniveau agiert, verleiht ihren Auftritten oft eine ganz besondere Konzentration und eine tiefe Verbindung zum Ensemble, die über den rein visuellen Kontakt hinausgeht.
Um das Video anzuschauen bitte markieren und mit Rechtsklick zu Link in Youtube öffnen:
4. Jauchzet, frohlocket (BWV 248/I)
Anlass: 1. Weihnachtstag (Teil I des Weihnachtsoratoriums)
Obwohl technisch der Beginn eines zyklischen Großwerks, fungiert dieser erste Teil wie eine eigenständige, festliche Kantate zum Christfest. Er etabliert das fundamentale Paradox der christlichen Botschaft: Der Glanz des Himmels trifft auf die Armseligkeit der Erde.
Das inkarnatorische Paradox: Die Erniedrigung des Königs
Das theologische Hauptthema ist die Menschwerdung Gottes (Inkarnation). Bach setzt hier musikalisch auf einen maximalen Kontrast:
- Der Ruf: Pauken und Trompeten rufen zum Lobpreis des „Königs“ auf. Die Musik ist herrschaftlich, brillant und fordernd.
- Die Realität: Die biblische Erzählung (nach Lukas 2) führt jedoch weg vom Thronsaal direkt in den Stall, zur Krippe und zu den Windeln.
Dieser „Große Tausch“ ist lutherische Theologie in ihrer reinsten Form: Gott wird arm, damit wir reich werden; er wird Mensch, damit wir zu Gott kommen können. Das „Jauchzen“ ist somit die emotionale Antwort der Menschheit auf dieses unbegreifliche Wunder.
Zion als Braut: Mystische Hochzeit
In der Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ wird die Gemeinde aufgefordert, sich wie eine Braut auf ihren Bräutigam vorzubereiten. Weihnachten wird hier als mystische Hochzeit zwischen Himmel und Erde verstanden. Es geht nicht um ein historisches Gedenken, sondern um eine gegenwärtige Herzensbeziehung.
Heutige Lesart: Die Würde des Verletzlichen
Für den modernen Menschen, der oft im Hamsterrad von Perfektionismus und Erfolgszwang gefangen ist, bietet dieses Werk eine radikale Befreiung:
- Absage an den Perfektionismus: Dass das „Höchste“ im „Niedrigsten“ erscheint, entlarvt unsere Machtbesessenheit. Das Wertvolle im Leben liegt oft nicht im messbaren Erfolg, sondern in den Momenten der eigenen Schwachheit und Armseligkeit.
Blickwechsel: Befreiung aus der Selbstbezogenheit
Der entscheidende theologische Punkt ist die neue Aufmerksamkeit. Wenn das Oratorium mit diesem gewaltigen Ruf beginnt, ist das eine Einladung zur Extase im wörtlichen Sinne (Heraus-treten aus sich selbst). Weil Gott in die Welt kommt, muss der Mensch nicht mehr krampfhaft in sich selbst hineinstarren (incurvatus in se), um Sinn oder Erlösung zu finden. Er wird frei, die Welt und den Nächsten neu wahrzunehmen.
Geborgenheit in der Schwachheit: Die „Krippe“ wird zum Ort, an dem die Angst ihre Macht verliert. Nicht, weil wir plötzlich übermenschlich mutig werden, sondern weil Gott sich in die menschliche Verletzlichkeit hineinbegeben hat. Das schafft eine Existenzgrundlage, die tiefer gründet als jede psychologische Stabilität: die reine, unverdiente Zusage.
Mitschnitt aus einer Chorprobe des UniChores Mainz mit UniOrchester. Hier der Eröffnungschor Weihnachtsoratorium zum Anschauen:
Warum Bach auch ohne expliziten Glauben wirkt
Der Dirigent John Eliot Gardiner (Music in the Castle of Heaven, 2013) beschreibt Bachs Musik als eine Kraft, die die „Tiefenschichten der menschlichen Psyche“ unmittelbar erreicht. Doch warum „funktioniert“ diese Musik auch bei Menschen, denen der traditionelle Zugang zum Glauben fehlt? Es gibt drei Ebenen, auf denen Bachs Werk für moderne Hörer zur Heimat werden kann:
1. Die Musik als „Sicherer Hafen“ (Kosmische Ordnung)
Die mathematische Strenge und architektonische Klarheit von Bachs Kompositionen – für ihn selbst ein Abbild der göttlichen Weltordnung – wirken auf heutige Hörer oft wie ein Anker. In einer als fragmentiert und chaotisch erlebten Welt vermittelt die Struktur einer Fuge ein tiefes Gefühl von Gehaltensein. Die Musik ist hier kein dekoratives Element, sondern ein stabiles Fundament, das Standfestigkeit schenkt.
2. Säkularisierte Mystik und Transzendenz
Bach führt den Hörer an die Grenzen des Sagbaren. Viele erleben in seiner Musik das, was die Psychologie „Gipfelerfahrungen“ nennt: Eine Form von säkularer Mystik, in der man eine Verbindung zu etwas spürt, das das eigene Ich übersteigt – sei es die Unendlichkeit der Kunst oder die Tiefe der Menschheitsgeschichte. Die Musik öffnet einen Raum für das Unverfügbare, ohne den Hörer sofort auf ein Dogma zu verpflichten.
3. Die Radikalität der Ur-Emotionen
Bachs nimmt Texte die von einer hochemotionalen Sprache geprägt sind. Sie verhandeln existenzielle Ur-Erfahrungen: Sehnsucht, Angst, Erleichterung und Schmerz. Diese Affekte sind zeitlos. Man muss nicht die Lehre von der Trinität durchdrungen haben, um die existentielle Befreiung nachzuempfinden, die in einer Arie wie „Bereite dich, Zion“ mitschwingt.
Bach trifft Habermas: Das Ende der Sprachlosigkeit
Der Philosoph Jürgen Habermas beschrieb sich selbst als „religiös unmusikalisch“. Er steht damit stellvertretend für die moderne Existenz: Man hat zwar Respekt vor der „semantischen Energie“ der Religion und spürt, dass dort wichtige Wahrheiten lagern, kann aber den „Glaubenssprung“ intellektuell nicht mehr vollziehen.
Bach als der ultimative „Übersetzer“ Hier liegt die radikale Antwort Bachs: Seine Musik ist die Übersetzung des Religiösen, die direkt ins Herz trifft, ohne den Umweg über den Verstand nehmen zu müssen. Wenn es stimmt, dass Bachs Musik sakramental wirkt – also das bewirkt, was sie besingt –, dann ist sie die Antwort auf Habermas’ Skeptizismus:
- Zuspruch statt Begründung: Während der Philosoph nach vernünftigen Begründungen sucht, bietet Bach den Zuspruch.
- Das Wasser und die Welle: Man muss nicht „religiös musikalisch“ sein, um von einer Welle getragen zu werden; es genügt, im Wasser zu sein. Bachs Musik ist dieses Wasser. Sie umspült den Hörer mit einer Geborgenheit, die auch dem „Tauben“ und dem Zweifler gilt.
Theologischer Nachgedanke Bachs Musik fordert keine religiöse Begabung. Sie begegnet der modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen nicht mit Forderungen, sondern mit einem Angebot. Seine Antwort auf die menschliche Unzulänglichkeit ist das klanggewordene Versprechen einer Liebe, die bereits da ist, bevor wir sie benennen können.Tipp für den heutigen Zugang: Versuchen Sie beim Hören, das Wort „Gott“ nicht als eine ferne Person zu denken, sondern als jene objektive Instanz des absolut Guten, Wahren und Schönen, die uns von außen begegnet. Plötzlich verwandeln sich die Kantaten von historischen Dokumenten in hochaktuelle Meditationen über das, was unser Menschsein im Innersten zusammenhält.
(Mitschnitt gesamtes Konzert des UniChores Mainz vom 16.07.2022)








