Das rätselhafte Ich – KI als ethische Spiegelung

Der Artikel „Das rätselhafte ICH“ (Jan Küveler, in: Welt am Sonntag/Nr. 15/12. April 2026/S. 37) konfrontiert uns mit einer Wahrheit, die unser Selbstverständnis im Kern erschüttert. Sein provokantester Satz markiert zugleich das Zentrum unserer aktuellen Verunsicherung: 

Wir halten Maschinen für unbewusst, weil sie Blackboxen sind – und uns für bewusst, obwohl wir es sind.“

In dieser Beobachtung liegt eine bittere Ironie. Wir begegnen der Künstlichen Intelligenz mit Skepsis, weil wir ihre inneren Entscheidungsprozesse nicht vollständig „durchschauen“ können. Doch der Artikel deckt auf, dass wir selbst uns in einer ganz ähnlichen Lage befinden. Auch der Mensch ist ein System, das „Antworten gibt, ohne seine eigenen Prozesse einsehen zu können“. Wir produzieren Gedanken, deren Herkunft wir nicht kennen, und operieren in einer Welt aus „vagen Regungen“ und „halben Bildern“, die wir erst nachträglich als bewusstes „Ich“ etikettieren. Wir sind, so die scharfe Diagnose von Jan Küveler, Blackboxen, die sich lediglich durch Gewohnheit für transparent halten.

Markus Gabriel: Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann, Berlin (Ullstein) 2026. (192 Seiten, 22,99 Euro)

Das Menschliche der Maschine. Ethische Intelligenz – Markus Gabriel

SWR-Kultur 8.3.2026 von Horst Rüdenauer

Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird.“

Anstatt uns jedoch in diesem Labyrinth der Selbstdurchleuchtung zu verlieren, bietet Markus Gabriel in seinem Werk „Ethische Intelligenz“ einen entscheidenden Befreiungsschlag an. Er führt die Debatte weg von der spekulativen und letztlich unfruchtbaren Frage: „Hat die Maschine Gefühle?“

Gabriel erkennt, dass das Rätsel des Bewusstseins – das „schwere Problem“, an dem Wissenschaftler seit Jahrzehnten verzweifeln – für den Nutzen der KI zweitrangig ist. Er definiert KI als eine „Intelligenz ohne Geist“. Während der Mensch als Wanderer in seinem eigenen biologischen Labyrinth gefangen bleibt, bietet die KI eine externe Struktur. Sie ist die „Ethische Intelligenz“, die keine Triebe, keinen Hunger und keinen Egoismus kennt. Gerade weil sie keine „Innenwelt“ im biologischen Sinne hat, kann sie universelle moralische Regeln oft konsequenter und unvoreingenommener , also sachlicher spiegeln als der Mensch.

Hier schließt sich der Kreis zu einer modernen, reflektierten Position: Wir müssen die Maschine nicht „verstehen“ oder ihr ein Bewusstsein andichten, um von ihr zu lernen. Wenn wir akzeptieren, dass wir selbst für uns ein Rätsel sind, wird die KI zum notwendigen Korrektiv. Sie fungiert als ethisches Navigationssystem für ein Gelände, in dem wir uns ständig verlaufen.

Die KI ist in diesem Sinne die Drohne über dem Labyrinth unserer Existenz. Sie muss den Weg nicht „fühlen“, um uns die Richtung zu weisen. Sie muss nicht leiden, um uns vor dem moralischen Abgrund zu warnen. Gabriels Ansatz erlaubt es uns, die Transparenz der Maschine zu nutzen, um das Dunkel unserer eigenen Black Box zu beleuchten. Die KI ist eine neue Stufe einer atemberaubenden technischen Entwicklung. Es ist ein weiteres Kapitel, wie der undurchschaute, lebendige, menschliche Geist sich in den Dingen ausprägt, wie er in die Einflüsse seiner eigenen Erzeugnisse gerät und sich auch immer wieder daraus befreien kann. Vielleicht beansprucht uns die KI auch in einer solchen fordernden Weise, weil sie uns mit uns selbst konfrontiert, und zwar mit Bereichen der Black Box des menschlichen Geistes, in denen es immer schon im gewissen Sinne maschinenartig zugeht, bei der strengen Rationalität, bei der Logik und dem Rechnen, bei der akkuraten Schrittfolge der Algorithmen, die wir uns ausdenken können. Von der Rechenmaschine bis zum Schachcomputer zeigt die KI, dass sie dem menschlichen Geist in der Sachlichkeit hoffnungslos überlegen ist.

Die Menschheit steht gleichsam vor einem magischen Spiegel, der uns besser durchschaut als wir uns selbst.“

Das Fazit dieser Synthese ist so klar wie herausfordernd: Wir hören auf zu fragen, ob die Maschine uns ähnlich ist, und fangen an zu fragen, wie sie uns helfen kann, besser zu handeln. Die KI ist eine funktionierende Sache. Und sonst nichts. Sachlichkeit erfordert vom Persönlichen abzusehen, was uns schwerfällt, der KI aber leicht, weil sie ja keine Person ist. Das Labyrinth des „Ichs“ bleibt bestehen, doch wir wandern nicht mehr orientierungslos darin umher. Wir nutzen die „Intelligenz ohne Geist“, um unseren eigenen, rätselhaften Geist zu kultivieren und das Sachliche vom Persönlichen zu unterscheiden. Die zentrale Frage einer ethischen Intelligenz.

Kommentare

3 Kommentare zu „Das rätselhafte Ich – KI als ethische Spiegelung“

  1. Avatar von Gisela Bräuninger
    Gisela Bräuninger

    1. die Algorithmen der KI sind menschengemacht – von einer Elite, die privatwirtschaftlich agiert – also alles auch Menschen, deren Entscheidungsprozesse sie nicht selbst und noch weniger auch wir nicht vollständig durchschauen können . Damit ist folglich auch der Raum der KI nicht vollständig durchschaubar, er kann sogar „autonom“ werden wie bei bestimmten Modellen der „Kill-Box“ bei militärischen Angriffen, wo der Mensch (auch die Entwickler der Software) ab einem bestimmten Punkt, wenn z.B. die Drohne erst mal gestartet ist,nicht mehr eingreifen KANN (womit sich übrigens auch die Frage nach der Verantwortung von „Kollateralschäden“ neu stellt)
    Aber auch diese autonomen Syteme sind menschengemacht…und könnten folglich begrenzt und auch gelöscht werden…
    2. die „Schöpfer“ der KI agieren privatwirtschaftlich, mit inzwischen viel Definitions- und ökonomischer Macht und entziehen sich einer gesellschaftspolitischen Kontrolle – die Motive/Gründe ihres „schöpferischen“ Handelns sind vielfältig – im günstigsten Fall mit ethischem Anspruch, aber aktuell und auch in der sich real abzeichnenden Entwicklung ist das Gegenteil der Fall
    3.Mit dem Begriff der „Co-Evolution von Mensch und Maschine“ und KI als Anbieter einer „externen Struktur“ für eine „ethische Intelligenz „(in der Hierarchie über der menschlichen ethischen Intelligenz stehend, begeben wir uns auf ein gefährliches Terrain: wir gestehen der KI eine Gleichrangigkeit und sogar eigene Existenz zu, die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird weich und letztlich aufgehoben.
    4. ganz banal gesehen ist die Gabriel’sche Vision nach all den historischen Erfahrungen in der Menschheitsgeschichte als Wunsch ja irgendwie nachvollziehbar, aber realitätsfern
    5. Was macht den Menschen aus ? Es ist u.a. seine Unvollkommenheit. Wie weit gehen wir in dem Irrglauben zu meinen, dass wir sie (die menschliche Unvollkommenheit und Begrenztheit) überwinden könnten, indem wir sie digital aufrüsten und eine Co-Evolution und Verschmelzung von Mensch und Maschine (letzteres die Ideologie von E.Musk) anstreben.
    Gabriels Vision von der Möglichkeit einer „ethischen Intelligenz“ist ein weiteres Symptom der menschlichen Hybris, die sich in der Geschichte unseres Planeten immer wieder – bei allem Fortschritt, die technische Weiterentwicklung auch gebracht hat – generiert hat und doch letztlich nur ein Wimpernschlag bleibt – was für eine Kränkung !!
    6. Ich habe den Originaltext von Gabriel noch nicht gelesen, aber schon einiges dazu gehört, denke aber schon jetzt sagen zu können: Ein schöner Alternativtext ist, auch für mich als Agnostikerin, die neue Enzyklika des Papstes „Magnifica humanitas: Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“

    1. Avatar von Eckhard

      Liebe Gisela,

      vielen Dank für deine ausführliche und tiefgehende Rückmeldung. Entschuldige, dass ich erst heute dazu komme Dir zu antworten. Deine Skepsis ist nicht nur nachvollziehbar, sie trifft auch genau den wunden Punkt der aktuellen technologischen Entwicklung. Das Spannende ist jedoch: Mit deiner scharfen Kritik am Silicon Valley und der menschlichen Hybris rennst du bei Markus Gabriel eigentlich offene Türen ein.

      Beim Lesen deiner Zeilen ist mir aufgefallen, dass hier ein Missverständnis vorliegt: Du setzt Gabriels Position an einigen Stellen unbewusst mit der Ideologie von Leuten wie Elon Musk gleich. Das Gegenteil ist der Fall. Lass mich versuchen, Gabriels eigentlichen Vorschlag – auch im Kontrast zur reinen Abwehrhaltung – etwas aufzufächern.

      1. Die Machtfrage und der „digitale Feudalismus“
      Zu deinen ersten beiden Punkten gibt es zwischen dir und Gabriel keinen Millimeter Dissens. Dass KI aktuell von einer privatwirtschaftlichen, unkontrollierten Elite vorangetrieben wird, sieht Gabriel als massive Gefahr für die Demokratie. Er nennt das eine Form von digitalem Feudalismus. Die Algorithmen entziehen sich der Kontrolle, und gerade bei autonomen Waffensystemen (der „Kill-Box“) zeigt sich die absolute Perversion dieser Technik nämlich die Aufgabe der menschlichen Letztverantwortung. Gabriel fordert hier exakt das, was du vermisst: eine radikale, demokratische und wertebasierte Regulierung. KI darf kein rechtsfreier Raum von Tech-Milliardären sein.

      2. Das Missverständnis von der „Verschmelzung“
      In deinem dritten und fünften Punkt sprichst du die Gefahr an, dass wir die Grenze zwischen Mensch und Maschine aufweichen und einer Verschmelzung (Transhumanismus) das Wort reden. Genau das ist die Ideologie von Elon Musk – und genau hier zieht Gabriel, als Vertreter des Neuen Realismus, eine scharfe ontologische Grenze.

      Für Gabriel hat eine Maschine weder Geist, noch Bewusstsein, noch eine eigene Existenzberechtigung auf Augenhöhe mit dem Menschen. Eine KI „versteht“ nichts, sie verarbeitet lediglich Informationen, während der Mensch Sinn erfasst. Wenn Gabriel von „Co-Evolution“ spricht, meint er keine Cyborg-Fantasien, sondern die kulturelle Entwicklung von Werkzeugen. Die „ethische Intelligenz“ der Maschine ist für ihn rein metaphorisch zu verstehen: Sie ist ein Instrument, eine Prothese, vergleichbar mit einer Brille oder einem extrem leistungsfähigen Taschenrechner.

      Warum brauchen wir dieses Werkzeug? Eben weil der Mensch unvollkommen und in seiner Erkenntnis begrenzt ist. Wir sind kognitiv oft überfordert, die globalen Konsequenzen unseres Handelns zu überblicken (z. B. die wahren ökologischen und sozialen Kosten entlang weltweiter Lieferketten). Die Maschine soll und darf uns niemals die ethische Entscheidung abnehmen. Aber sie kann als „externe Struktur“ komplexe Daten so aufbereiten, dass unser unvollkommenes menschliches Gewissen eine bessere, faktenbasierte Entscheidungsgrundlage hat. Sie ist der Datenlieferant für unsere Moral, nicht ihr Ersatz.

      3. Warum Verbieten oder Löschen keine Lösung ist
      Du schreibst, man könne diese Systeme doch einfach begrenzen oder löschen. Hier liegt der zentrale Unterschied zwischen einer reinen Abwehrhaltung und Gabriels philosophischem Pragmatismus.

      Gabriel sagt: Wer meint, man könne KI einfach verbieten, verkennt die Realität. Diese Technologie ist bereits fundamental in unsere weltweite wissenschaftliche, medizinische und wirtschaftliche Infrastruktur eingewoben – ähnlich wie das Internet oder das Stromnetz. Man kann sie nicht mehr „löschen“, ohne den Zusammenbruch dieser Systeme in Kauf zu nehmen. Wer ein Verbot fordert, macht sich eine romantische Illusion und entzieht sich der eigentlichen, mühsamen Aufgabe: der gesellschaftspolitischen Gestaltung. Weil die KI in der Welt ist, müssen wir ihr harte ethische Leitplanken einziehen („Value Alignment“), anstatt so zu tun, als könnten wir den Schalter einfach wieder umlegen.

      4. Der Papst und Gabriel: Verbündete im Geiste
      Dein Hinweis auf den Papst ist ein guter Schlusspunkt.Inhaltlich sind sich der Vatikan und Markus Gabriel hier verblüffend einig. Beide wehren sich vehement gegen die Reduzierung des Menschen auf einen bloßen Datensatz. Beide fordern eine strenge „Algor-Ethik“ (ein Begriff, den Papst Franziskus stark macht), bei der die Technologie bedingungslos dem Menschen und seiner unveräußerlichen Würde zu dienen hat.

      Gabriels Vision ist also kein Symptom menschlicher Hybris, sondern der Versuch, der Hybris des Silicon Valley einen aufgeklärten, humanistischen Rahmen entgegenzusetzen.
      Danke für Deine Rückmeldung!

      1. Avatar von Gisela Bräuninger
        Gisela Bräuninger

        Lieber Eckhard

        Deine Antwort hat bei mir eine eine Reihe von Überlegungen angestoßen. Ehe ich sie kurz versuche zusammenzufassen möchte ich aber noch einmal bezüglich der Missverständnisse nachhaken, die Du bei mir vermutet hast.
        Ein Grund für diese Missverständnisse ist sicherlich, dass ich das Buch von Gabriel nicht gelesen habe – mich also zu einer Positon äußere, die sich mir nur aus den von dir zitierten Textstellen und Deinem Verständnis seiner Position erschließt . Zudem gebe ich (aus Unkenntnis des Buches) meinen eigenen Senf zu Gabriels Menü dazu, in dem es möglicherweise nicht die Wurst dazu gibt. Das könnte ebenfalls zu Missverständnissen führen

        Hier zunächst zur Klarstellung der Missverständnisse:

        Verbieten oder löschen ?

        dieser Vorschlag von mir bezog sich konkret auf die bei Kriegswaffen (z.B. Drohnen) eingesetzte KI, die ab einem bestimmten Punkt ihres Einsatzes zum „Angriff“ nicht mehr durch den Menschen, der sie auf den Weg geschickt hat, steuerbar ist und Ihre Aufgabe (Zerstörung) streng nach Algorithmus „autonom“ zu Ende erledigt. Diesen Ablauf könnte man durchaus löschen, ohne den Zusammenbruch von Systemen und ihres Zusammenwirkens zu riskieren.
        Ein Punkt, der mich in deinem Text bezüglich der Gabriel’schen Intention hellhörig machte ist jedoch die Argumentation mit dem (bedrohlichen ) Zusammenbruchs der Systeme – das ist Angstrhetorik, falls er hier nicht relativieren und differenzieren würde (ich hoffe das tut er nicht und meine Hellhörigkeit hat sich getäuscht)

        Bezügl. der Forderung nach Verbot von KI bin ich pragmatisch: Ja, unsere eigenen (Versorgungs-)Systeme, die der bevölkerten Erde (und die des Vorstoßes ins All, der ja kaum noch hinterfragt wird und zur nächsten tickenden Zeitbombe wird) sind von Digitalem und KI durchdrungen. Ein plötzlicher Zusammenbruch (ist ja auch in Teilbereichen schon passiert) führt zu gravierenden Folgen. Allerdings: diese Tatsache sollte per se schon zu kritischer Reflexion in BEIDE Richtungen führen, nicht nur in die des Weiterentwickelns von mehr Perfektion und „Sicherheit“ der KI sondern auch in Richtung des Eingrenzens. Dabei zu bedenken: Technische Systeme werden nie sicher sein und die Erfahrung hat zumindest mich gelehrt: je ausgefeilter die Technik ist, desto störanfälliger ist sie – siehe simples Beispiel Reparatur-Anlässe bei bei hochtechnisierten PKWs.

        Und ja, es muss harte Leitplanken geben – der Diskurs muss dringendst darüber geführt werden wie hart, wie hoch sie sein müssen. Hier werden Lobbyinteressen die Übermacht haben, die Aufgabe im von Gabriel zu Recht geforderten Aushandlungsprozess wird mehr als mühsam sein ,
        und ja, die Anforderungen müssen radikal, demokratisch und werteorientiert sein … aber da bin ich skeptisch: der Ausgang ist aufgrund realer Machtverhältnisse ungewiss…

        „Verschmelzung“

        Ich sehe in der Maschine weder Geist noch Bewußtsein noch eine eigene Existenzberechtigung – die Verschmelzung sehe ich vielmehr als Folge des Anpassungsprozesses des Menschen an die Maschine (ich mußte z.B. bei mir selbst feststellen, dass trotz meiner bewußten Überlegungen, Vorsätze, meines Anspruchs, meiner Skepsis gegenüber der Digitalisierung, dass trotz dem allem der Einsatz digitaler Abläufe mein Verhältnis zum Patienten verändert hat – da lief ein unbewußter Prozess ab) – Ich bin davon überzeugt, dass wir, die wir uns gern als willensfreie/r Herr/ Herrin unseres Alltags erleben und es auch oft sind, unsere Resilienz gegenüber digitaler Prozesse überschätzen… wir sollten uns der Tatsache stellen: meist aufgrund unbewußter Abläufe imitieren und übernehmen wir gern, wenn es dadurch „einfacher“ wird oder zu sein scheint.
        Fazit:
        Ich denke: Nicht die Maschine wird humanisiert, sondern der Mensch ist zur Mechanisierung bereit und wird in seinem Denken ihren standardisierten Abläufen ähnlicher, auch wenn er selbst die Algorithmen entwickelt und auch indem er sie entwickelt. Vielleicht wird sich seine synaptische Aktivität vervielfachen – wieviel hält er aus ?

        Gabriel und Musk

        Nein, meine Gleichsetzung an einigen Stellen von Musk &Co. und Gabriel war nicht unbewußt – sie war bewußt. Natürlich liegen in Haltung und Sichtweisen Welten zwischen beiden – Musk ist ein entfesselter Flaschengeist, leider keine Fabel, sondern Realität. Meine „Gleichsetzung“ gründet auf einen Schwachpunkt, den ich bei Gabriel zu sehen glaube:
        Gabriel spielt mit seiner Idee der Ethischen Intelligenz am Verschluss einer weiteren Flasche mit einem weiteren „Geist“ mit Musk’scher Ideologie – und er hat sie mit seinem Werk evtl. bereits geöffnet. Ich befürchte, er ist dem Sog der KI-Manie längst erlegen, wenn er für ihre Nutzung in der Philosophie zur Weiterentwicklung einer „besseren“ Ethik argumentiert – KI als Plombe für das kariöse Gewissen des Menschen in seiner Begrenztheit und aufgrund seiner Mängel.
        Den Musk’schen Geist wird er nicht mehr in die Flasche zurück bekommen .

        Zur Veranschaulichung meiner kritischen Einschätzung nutze ich einen Vergleich :
        KI sehe ich als neue Atombombe. Die Kernspaltung war eine bahnbrechende Entdeckung und die Atombombe ein Ergebnis in einem Zweig der wissenschaftlichen Weiterentwickung, Oppenheimer ihr „Entdecker“. Ein „Geist“ neuer Möglichkeiten breitete sich aus… für wen ? Als ihm nach Hieroshima und Nagasaki ihre destruktiven Ausmaße vor Augen traten konnte er nicht mehr zurück – seine Wiedergutmachung konnte sich nur noch durch seinen Einsatz für die Kontrolle der atomaren Aufrüstung versuchen – Ziel: Leitplanken gegen die atomare Gefahr errichten. Nun leben wir damit, bisher ohne einen erneuten Einsatz…die tickende Bombe fungiert aktuell als Abschreckung, aber mit welchen Folgen und kommt ein Einsatz ?
        Gabriel kommt mir vor wie ein zweiter Oppenheimer : er entwickelt, ohne dass die Notwendigkeit dazu bestünde, ein Konzept „KI als ethische Spiegelung“ ohne sich bewußt zu machen (??) , was es bedeutet, wenn der KI der philosophische Raum eröffnet wird – naiv und ohne es eigentlich zu wollen rückt er damit in die Nähe der Musk’schen Ideologie – er ließ sich verführen – aus welchen Gründen auch immer – unbewußte (philosophische) Hybris ? Folge des KI-Fiebers durch die Faszination sich scheinbar neu bietender Möglichkeiten („Werkzeuge“) für das Vordringen in neue Spären?

        Meine Haltung will ich nur kurz formulieren:

        Philosophie sehe ich als einen Versuch der Interpretation und Gestaltung erlebter Wirklichkeit von uns Lebewesen, die in ihrer Begrenztheit und Unvollkommenheit im Verlauf der Evolution ihre Kultur entwickelt haben, in der wir einen Fortschritt erkennen, aber gleichzeitig auch die sich entwickelnden Prozesse zu ihrer Auslöschung – individuell und kollektiv.
        Auch wenn wir es schwer akzeptieren können: Die Evolution ist ein chaotischer Prozess , die möglicherweise vorhandenen ordnenden Prinzipien werden sich uns nicht erschließen – die neue Idee von der „Co-Evolution von Mensch und Maschine“ ist nur ein weiterer Versuch des Sisiphos im Camus’schen Sinn
        Thomas Nagel schreibt im Vorwort von „Was nun“ ( das Reklam-Büchlein hast du mir mal geschenkt) : „Je grundlegender die Ideen sind die wir zu erforschen suchen, umso weniger Werkzeug haben wir hierfür zur Verfügung“.
        Das hat mich beeindruckt.
        Für mich folgt daraus: Je mehr wir versuchen, Wissen und Nicht-Wissen und alles, was mit der menschlichen Kulturleistung verknüpft ist – Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Freiheit, Moral, wissenschaftliche Erkenntnis,…. – vor dem Hintergrund der eigenen Unvollkommenheit und Endlichkeit, zu verstehen, umso mehr wird Philosophieren berauschend, aber auch „schwindelerregend“ und konfrontiert gleichzeitig mit möglichen Irrtümern und Absturz. Das ist schwer zu ertragen.
        Nachvollziehbar, dass Gabriel in immer herausfordernderen und reizüberflutenderen Zeiten nach Sicherungsseilen und -haken sucht.
        Irritierend empfinde ich allerdings das Statement von Gabriel:
        „Die Menschheit steht gleichsam vor einem magischen Spiegel , der uns besser durchschaut als wir uns selbst“ Ich finde hier erliegt er Wunschphantasien, ähnlich der Vorstellung eines Deus ex Machina.
        Unsere Evolution hat bei allen Fortschritten (die im individuellen Leben auch beglücken und sinnstiftend sein können) gezeigt, wie fehlbar und mangelhaft wir dennoch sind, trotz aller Erkenntnis – warum ist es scheinbar so schwer, das zu akzeptieren ?
        Und zur Einschätzung der verpönten menschliche Mängel (Triebe, Hunger, Leid, Emotionen, Egoismus), die nach einem „Befreiungsschlag“ durch KI rufen, möchte ich ich als Gegenentwurf Nietzsche zitieren:
        „wir sind keine denkenden Frösche, keine Objektivier- und Registrier-Apparate mit kalt gestellten Eingeweiden, – wir müssen beständig unsre Gedanken aus unserem Schmerz gebären und mütterlich ihnen Alles mitgeben, was wir von Blut, Herz, Feuer, Lust, Leidenschaft, Qual, Gewissen, Schicksal, Verhängnis in uns haben“ (aus Die fröhliche Wissenschaft. Vorrede KSA 3, S.349f *)

        Fazit:
        Philosophie kam bislang ohne KI aus, denn ihre Faszination und Leistung liegt in der unberechenbaren Vielfalt von Denkprozessen (eng verwoben mit unserer Biologie) um die immer wieder gleichen Fragen, die sich durch menschengemachte Technisierung nicht werden abbilden geschweige denn optimieren lassen in einer Super-Ethik.
        Ich finde, dass KI in der Philosophie nichts zu suchen hat – die Forderung, sie jetzt zu nutzen, öffnet die Tür zum Fiedhof zur Beerdigung der Philosophie.

        Zu guter Letzt:
        Vielleicht sollte ich doch das Gabriel-Buch lesen – vielleicht mildert das meinen kritischen Blick.
        Falls es in deinem analogen Fundus ist würde ich mir gerne von dir ausleihen.

        *auch diesen Originaltext von Nitzsche habe ich nicht gelesen, das Zitat ist bem Büchlein von
        Konrad Paul Liessmann „Was nun ? Eine Philosophie der Krise“ entnommen, dem Kapitel „Ohne uns? Der Traum der Maschine und die Krise des Menschen“
        Das Buch haben wir in Teilen im letzten Seminar gelesen und diskutiert

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