Von Prometheus‘ Reue und Heideggers Gestell

Ein Besuch in der Völklinger Hütte mit Karin, Susanna und Lothar

Die Völklinger Hütte ist ein Ort der Extreme. Wer durch ihre rostigen Hallen geht, spürt die Hitze vergangener Tage und sieht gleichzeitig zur Zeit das kalte Licht moderner Technik in der Ausstellung: X-Ray. Die Macht des Röntgenblicks (bis 16.08.2026). Es ist ein Ort, der uns zwingt, über unser Verhältnis zur Welt nachzudenken – geleitet von zwei großen Denkern: Peter Sloterdijk und Martin Heidegger.

Am Anfang steht ein Diebstahl. Der Titan Prometheus, der „Vorausdenkende“, stahl den Göttern das Feuer, um es den schutzlosen Menschen zu geben. Er schenkte uns damit nicht nur Wärme, sondern die Keimzelle der Technik, der Vernunft und der Zivilisation. Doch der Preis war hoch: Da die Menschen sich durch diese pyrotechnische Hilfe in eine göttliche Hybris hineinsteigerten, ließ Zeus Prometheus an einen Felsen im Kaukasus schmieden, wo ein Adler täglich von seiner Leber fraß – ein Bild ewiger Fesselung als Strafe für die menschliche Hybris.

In der Völklinger Hütte begegnen wir den Erben dieses Feuers. Wer die Völklinger Hütte betritt, betritt nicht einfach ein Museum. Er betritt den Bauch eines toten Ungeheuers aus Eisen und Ruß.

Peter Sloterdijk führt in Die Reue des Prometheus diesen Gedanken radikal weiter. Er erinnert uns daran, dass wir das göttliche Geschenk missbraucht haben. Jahrtausende lang verbrannten wir „oberirdische Wälder“ – ein Feuer, das im Takt der Natur nachwuchs. Doch an Orten wie der Völklinger Hütte begingen wir den energetischen Sündenfall: Wir begannen, die „unterirdischen Wälder“ zu verfeuern.

Sloterdijk beschreibt unsere Zivilisation als eine gigantische Verbrennungsmaschine. Er erinnert uns daran, dass wir seit der Industriellen Revolution buchstäblich „unterirdische Wälder“ (Kohle, Öl, Gas) verfeuern. Die Völklinger Hütte war in der industrialisierten Moderne ein Herzstück dieses Prozesses.

Kohle und Koks, dann Öl und Gas, das gespeicherte Sonnenlicht von Jahrmillionen, wurden in einem einzigen, industriellen Rausch, einer „pyromanischen Party“, die auch heute noch weitergeht, verprasst. In den Hochöfen von Völklingen wurde die Zeit selbst verbrannt. Hier beginnt die „Reue des Prometheus“: Wir erkennen, dass das Feuer, das uns befreien sollte, uns nun als Klimakatastrophe und Ressourcenblindheit gegenübersteht.


Ein solches System der Verbrennung ist eine „Hölle“, die in der totalen Verfügbarkeit der Rohstoffe immer auch Opfer fordert. Die Völklinger Hütte war ein Moloch, der Hitze produzierte und Lebenskraft verzehrte. Besonders deutlich wird dies am Gedenken an die Zwangsarbeiter. Hier wurde das Feuer nicht nur genutzt, um Eisen und Stahl zu gewinnen, sondern es verschlang alles:

Der Prometheus-Mythos
Die Götter beauftragten Epimetheus und Prometheus, Menschen und Tiere mit dem Notwendigsten auszustatten. Während die Tiere ein Fell oder Federkleid bekamen, das sie vor Kälte schützt, stand der Mensch >>ganz nackt<< da. Denn er besitzt nichts, um sein Leben in der Natur zu gestalten. Deshalb hatte Prometheus Mitleid mit ihm und stahl dem Gott Hephaistos das Feuer. 
Dieses habe dann dem Menschen, so der Mythos,Erfindergeist ermöglicht.Im Gegensatz zum Tier, das auf eine bestimmte Rolle in der Natur festgelegt ist, eröffnet der (Erfinder)-Geist die Freiheit, u.a. für einen technischen Umgang mit der Natur. 

Die Natur: Jahrmillionen alte Energievorräte wurden in Jahrzehnten verpulvert.

Die Menschen: Die Hütte war ein Ort der Ausbeutung. Zuerst für die regulären Arbeiter im Ruß, Staub, Hitze und Lärm, später auf grausamste Weise für die Zwangsarbeiter während der NS-Zeit.

Der Mensch wurde hier selbst zum „Brennstoff“ des Systems.

Das Denkmal für die Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte ist kein klassisches Monument aus Stein oder Bronze. Es ist eine begehbare, tief unter die Haut gehende Installation des französischen Künstlers Christian Boltanski, die den Titel „Die Zwangsarbeiter“ trägt.

Boltanski hat das Mahnmal in der Sinteranlage der Hütte installiert – einem Ort, der ohnehin schon durch Staub, Lärm und Hitze geprägt war. 

Die Archiv-Boxen: Er hat tausende schwarze Archiv-Boxen aufeinandergestapelt. Sie wirken wie ein bürokratisches Skelett der Geschichte. Jede Box steht symbolisch für einen Menschen, doch die Boxen sind anonym. Nur eine Registrierungsnummer an der Frontseite..

Die Kleidung: Zwischen den Metallregalen hängen getragene, schwarze Mäntel. In Boltanskis Werk stehen Kleider oft für den „abwesenden Körper“ – sie sind die Hülle dessen, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er im System verschwindet.

Eines der eindringlichsten Elemente ist die Tonspur. Während man durch die engen Gänge zwischen den Boxen geht, hört man Stimmen, die leise die Namen der Zwangsarbeiter flüstern. Es ist, als würden die „Bestände“ wieder zu Individuen werden wollen. Das System hat sie zur Nummer gemacht, das Denkmal gibt ihnen den Namen zurück – aber nur als geisterhaftes Flüstern.

Während des Zweiten Weltkriegs waren über 12.000 Menschen (Kriegsgefangene und zivile Verschleppte aus Osteuropa, Frankreich, Italien und anderen Ländern) in der Völklinger Hütte im Einsatz. Sie arbeiteten unter mörderischen Bedingungen. Die Hütte war ein „Staat im Staate“, geführt von Hermann Röchling, einem glühenden Nationalsozialisten. Die Zwangsarbeiter waren die „menschliche Energie“, die das Feuer am Brennen hielt, als die regulären Arbeiter an der Front waren.

Hier zeigt sich die dunkelste Seite der Verbrennung der „Unterwelt“. Um die Kohle und das Eisen zu verarbeiten, reichte das fossile Erbe allein nicht aus – es brauchte auch den Verschleiß von Menschenleben. Die Hütte fraß nicht nur die Zeit der Natur (Kohle, Öl, Gas), sondern auch die Zeit und Körper der Menschen.

Dieses Denkmal ist im Grunde der Ort, an dem Prometheus am tiefsten bereuen muss – denn hier wurde das Licht des Feuers genutzt, um die dunkelsten Taten der Menschheit zu beleuchten. Sieht Sloterdijk einen Ausweg? Sloterdijk schlägt in seinem Buch keinen „Öko-Aktivismus“ im herkömmlichen Sinne vor. Seine Lösung ist die „energetische Mäßigung“. Er glaubt, wir müssen lernen, uns selbst zu begrenzen. Die „Reue“ bedeutet nicht, die Technik abzuschaffen, sondern sie „erwachsen“ werden zu lassen. Wir müssen von einer Kultur des Verschwendens zu einer Kultur der Sorge finden. Es geht um eine technische Intelligenz, die nicht mehr zerstört, sondern bewahrt. 

In der ehemaligen Gebläsehalle der Völklinger Hütte gibt es zur Zeit eine künstlerische Ausstellung bis zum 16.08.2026: „The World of X-Rays“. Sie ist weit mehr als eine medizinhistorische Schau. Sie ist eine Bestandsaufnahme unserer Zivilisation durch die Linse der Durchleuchtung. X-Ray. Die Macht des Röntgenblicks. 

In X-Ray trifft diese pyromanische, industrielle Wucht auf die kühle Präzision der Röntgenstrahlen. Die Bilder der Ausstellung zeigen Menschen, die buchstäblich in die Rahmen der Apparaturen eingespannt sind.

An der „Durchleuchtung des Menschen“ wird noch einmal ausdrücklich, dass seit dem 19. Jahrhundert in der westlichen Welt alles – auch der Mensch – nur noch als nützliches Objekt oder als Ware betrachtet wird. Röntgen wird als Versuch gedeutet, alles am Menschen messbar, berechenbar und gläsern zu machen. Das gleiche geschieht auch durch die Biologie, die Psychologie oder digitale Daten. Durch die Technik, wird alles kontrollierbar und verwertbar. Der Fortschrittsglaube hat dazu geführt, dass wir die Welt und uns selbst wie Maschinen oder Produkte behandeln. Alles muss einen Zweck erfüllen und messbar sein. Heidegger beschreibt diese moderne Art, die Welt als bloßes Materiallager zu sehen, mit dem Begriff ‚Gestell‘.

Das „Gestell“ ist einer der berühmtesten, aber auch sperrigsten Begriffe Heideggers, den er im 7. Band seiner Gesamtausgabe im Aufsatz: Die Frage nach der Technik (Die Frage nach der Technik. GA 7, S. 16, 1953) einführt.

Leseprobe Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik:

https://monoskop.org/images/2/27/Heidegger_Martin_1953_2000_Die_Frage_nach_der_Technik.pdf

Er beschreibt damit nicht die Maschinen selbst, sondern unsere grundsätzliche Einstellung zur Welt. Die Welt lediglich als „Bestand“ im Sinne eines Warenlagers begriffen. Normalerweise begegnen wir Dingen als das, was sie sind: Ein Baum ist ein Baum, ein Mensch ist ein Mensch. Im „Gestell“ jedoch ändert sich unser Blick. Wir sehen alles nur noch als „Bestand“ – also als eine Ressource, die auf Abruf bereitsteht. 

  • Der Wald ist nicht mehr ein Ort der Stille, sondern ein Holzvorrat.
  • Der Fluss ist nicht mehr ein Fluss, sondern ein Wasserkraft-Lieferant.
  • Der Mensch in der Fabrik ist nicht mehr ein Individuum, sondern eine „Humanressource“.

Das Wesen der Technik ist nicht nur ein Apparat, sondern eine Art und Weise, wie die Welt uns „aufgeht“ (entborgen wird). Das Gefährliche daran ist nicht die Maschine, sondern dass wir verlernen, die Welt auf eine andere, geheimnisvollere Weise wahrzunehmen.

Die zentrale Pointe der Ausstellung ist das Verschwinden der Oberfläche. Seit Wilhelm Conrad Röntgen 1895 zufällig die X-Strahlen entdeckte, hat sich das Verhältnis des Menschen zur Welt radikal geändert. Nichts ist mehr sicher vor dem blickenden Auge der Technik.

Die Geburtsstunde: Der Schock des Sichtbaren. Hier geht es um die Entdeckung. Das berühmte Bild der Hand von Röntgens Frau mit dem Ring ist der Urknall. Der Bezug: Es war das erste Mal, dass ein Mensch sein eigenes Skelett sah, ohne tot zu sein. Es war eine Grenzüberschreitung zwischen Leben und Tod.

Medizin: Der gläserne Mensch. Diese Sektion zeigt die Entwicklung von den ersten klobigen Apparaten bis zur modernen Computertomografie. Die Verbindung zum „Gestell“: Hier siehst du die Apparaturen, die du als „Einspannung“ wahrgenommen hast. Der Patient wird zum Objekt, das in eine Röhre oder einen Rahmen geschoben wird, um als Datenmaterial („Bestand“) wieder herauszukommen.

Technik und Industrie: Die Hütte im Strahl. Diese Sektion ist für den Standort Völklingen entscheidend. Es geht um Materialprüfung. Der Clou: Man nutzt Röntgenstrahlen, um Fehler im Guss oder Risse in Schweißnähten zu finden. Hier verschmelzen das Skelett des Menschen und das Skelett der Maschine. Die Technik durchleuchtet sich selbst, um ihre eigene Unzerstörbarkeit zu garantieren.

Sicherheit und Überwachung: Der verdächtige Blick. Vom Zoll bis zum Flughafen-Scanner. Hier wird der Röntgenstrahl zum Kontrollinstrument. Der Schutzraum des Privaten (der Koffer, die Kleidung) wird aufgehoben. Alles muss „bestellbar“ und kontrollierbar sein. Der Mensch tritt hier nicht mehr als Patient auf, sondern als potenzielles Sicherheitsrisiko im globalen Gestell.

Natur und Kunst: Die Ästhetik des Verborgenen. Diese Sektion zeigt Röntgenbilder von Blumen, Muscheln oder Gemälden (um verborgene Farbschichten zu finden). Die Erkenntnis: Hier wird der Röntgenstrahl fast poetisch. Er zeigt eine innere Geometrie der Natur, die dem bloßen Auge verborgen bleibt. Es ist das „Entbergen“, von dem Heidegger sprach, aber in einer rein visuellen, fast kalten Schönheit.

Die Pointe ist die Ambivalenz: Wir gewinnen Sicherheit (wir sehen den Tumor, den Riss im Stahl, die Bombe im Koffer), aber wir verlieren das Geheimnis. In der Völklinger Hütte, einem Ort des massiven Stahls, wirkt diese „Verflüssigung“ der Materie durch den Röntgenstrahl besonders ironisch: Das Monumentale wird durchsichtig.

In der Völklinger Hütte wird das „Gestell“ physisch: Die Erze werden in das Gestell der Hochöfen gezwungen. In der X-Ray-Ausstellung wird die Steigerung deutlich: Hier wird sogar das Innerste des Menschen in ein medizinisches „Gestell“ eingespannt, um ihn als Skelett, als Datenmaterial, als „Bestand“ der medizinischen Erkenntnis lesbar zu machen. Man könnte sagen: Der Röntgenapparat ist das Gestell, das das Fleisch „beiseite räumt“, um den Menschen als berechenbares Skelett freizulegen.

„Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut, wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdrucklieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks.“ (Martin Heidegger: Zur Frage nach der Technik)

Die Schwerpunkte der Ausstellung führen uns vor Augen, dass wir heute in einer Welt leben, die keine Schattenzonen mehr duldet. Dass dies in der Gebläsehalle stattfindet – dort, wo früher mit roher Gewalt Luft in die Hochöfen gepresst wurde, um Eisen zu erzwingen –, schließt den Kreis: Erst wurde die Erde aufgebrochen (Bergbau), dann wurde das Erz geschmolzen (Hütte), und am Ende wird alles, auch wir selbst, restlos durchleuchtet. Die Völklinger Hütte ist das Skelett der industriellen Ära, und die Röntgenausstellung ist der Blick, der uns zeigt, dass auch wir nur noch Skelette in einem digitalen und industriellen Rahmen sind.



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