In Christus neu geboren (2 Kor 5,17)
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So weit wie Licht,
Äonen
alt,
aus allem wird der Mensch
Gestalt
und immer neu
geboren.
Um andern ein Mensch
zu sein,
wird jeder Mensch
geboren.
Um anderen ein Wort
zu sein.
Um Hand in des Andern Hand
zu sein.
So ist er nicht verloren.
nach Huub Oosterhuis
Der Rücken Christi:
Das Mysterium des Vorausgehens
Eine kunsthistorische und theologische Verortung des Bildes
I. Die Ahnenreihe des Entzugs: Visionäre der Abkehr
Dieses Bild wurde im Jahr 2025 von mir gemalt und zum darauffolgenden Jahr an Ostern mit einem Text, der Zeilen aus einem Gedicht von Huub Oosterhuis übernimmt, als ein Textbild zur Auferstehung erkannt.
Um die kunsthistorische Radikalität des Bildes zu erklären, muss man die wenigen Momente betrachten, in denen Maler diesen Weg des Entzugs bereits beschritten haben. Die Rückenansicht Christi ist in der Ikonographie ein extrem exklusives Feld:
Johannes vom Kreuz (16. Jahrhundert): Die Vision des Sturzes In seiner berühmten Skizze (ca. 1574) wählte der spanische Mystiker eine für seine Zeit revolutionäre Perspektive: Er blickte von schräg oben auf den Gekreuzigten. Wir sehen Christus auf den Nacken und die Schultern; er hängt schwer nach vorne, das Gesicht der Erde zugewandt. Es ist der Blickwinkel Gottes des Vaters, der auf das Opfer herabsieht. Hier ist der Rücken Ausdruck einer extremen menschlichen Schwere und des Abstiegs Gottes in das tiefste Leid.

(c) Hemmerle, Klaus: „Der Gekreuzigte“ (Zur Federzeichnung des Johannes vom Kreuz), in: AS V, 374–380
Salvador Dalí (1951): Die kosmische Transzendenz Dalí griff die Vision des Johannes vom Kreuz auf und schuf seinen Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz. Er entzieht uns das Gesicht, um Christus als mathematisch perfekte, über der Welt schwebende Lichtgestalt darzustellen. Doch auch hier bleibt der Fokus auf der vertikalen Distanz – wir bleiben Beobachter einer göttlichen Geometrie von oben.

Caspar David Friedrich (19. Jahrhundert): Die Ästhetik des Erhabenen Friedrich etablierte die „Rückenfigur“ als zentrales Motiv der Romantik. Wenn er Christus (wie in seinen späten Zeichnungen um 1817) von hinten zeigt, nutzt er ihn als Identifikationsfigur. Der Betrachter wird eingeladen, sich hinter Christus einzureihen und mit ihm in die Unendlichkeit des Lichts zu blicken. Christus wird hier zum „ersten Wanderer“ in die Ewigkeit.

II. Die Evolution des Motivs: Das Prinzip des Motivzitats
Die Relevanz dieses Werkes von 2025 zeigt sich besonders im Hinblick auf das Prinzip der Motiv-Folge, wie es beispielsweise in der Monet-Ausstellung des Frankfurter Städels („Monets Küste“) eindrucksvoll dokumentiert wurde. Dort wird sichtbar, wie Maler Motive ihrer Vorgänger – etwa ein markantes Felsentor – übernehmen, um sie in ihrer eigenen Zeit neu aufzuladen und weiterzuentwickeln.
In dieser Tradition steht auch die vorliegende Arbeit: Sie übernimmt das überlieferte Motiv des Gekreuzigten, vollzieht aber durch die Wahl der Rückenansicht eine entscheidende Transformation. Es geht nicht um die Wiederholung des Bekannten, sondern um die Weiterführung eines kunsthistorischen Fadens, der die Darstellung Christi aus der Statik der Anbetung in die Dynamik der Bewegung überführt.
III. Einordnung in eine „Theologie der Bestreitung“
Das Werk findet seine tiefste Begründung in einer Theologie der Bestreitung. Diese Perspektive bricht mit der einfachen Verfügbarkeit Gottes im Bild:
Bestreitung der visuellen Gewissheit: Wir suchen im sakralen Bild oft nach Bestätigung – nach dem Blick Christi, der uns ansieht. Dieses Werk bestreitet dieses Verlangen. Wir finden keinen Trost im Antlitz, sondern werden durch den Entzug auf den Weg verwiesen, den Christus bereits eingeschlagen hat.
Der Deus Absconditus (Der verborgene Gott): In der Theologie der Bestreitung zeigt sich Gott oft dort, wo er uns scheinbar den Rücken kehrt. Das Bild thematisiert diesen produktiven Entzug: Gott bleibt bei uns, indem er uns vorausgeht. Der Rücken wird hier zum Zeichen einer Führung, die nicht durch Worte oder Blicke, sondern durch das tätige Vorangehen geschieht.
Die Dynamik der Anfechtung: Die skizzenhaften, fast ätherischen Linien, die das Kreuz schneiden, wirken wie Kraftfelder. Sie beschreiben Christus nicht als fixierten Körper, sondern als ein Geschehen. Die Materie wird „bestritten“; sie löst sich auf zugunsten einer Bewegung, die vom Betrachter weg in die Tiefe des Raumes (zum Vater) strebt.
IV. Das Bleiben durch das Vorangehen: Ein Resümee
Im Gegensatz zu den historischen Vorbildern, die oft die Schwere des Leidens (Johannes vom Kreuz) oder die Distanz des Himmels (Dalí) betonten, positioniert das Werk von 2025 den Betrachter auf Augenhöhe. Die Rückenansicht macht Christus zum Wegbereiter. Er entzieht uns sein Gesicht, nicht um uns allein zu lassen, sondern um unsere Blickrichtung auf das Ziel der Erlösung zu lenken.
Das Bild ist somit eine visuelle Umsetzung des Versprechens aus dem Johannesevangelium: „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“ (Joh 14,2). Der Rücken Christi wird zum Schild und zum Wegweiser. In der Bestreitung unserer gegenwärtigen Not weist seine Haltung auf den Weg, den er für uns bahnt.
Es ist eine bewusste Absage an die bloße Konservierung des Schmerzes und eine künstlerische Behauptung der Hoffnung, die den Tod nicht als Endpunkt, sondern als Portal definiert.
„Ich wollte nicht das Leid konservieren, sondern die Bewegung der Erlösung zeigen. Ein Mensch, der uns vorausgeht, zeigt uns nicht sein Gesicht, sondern den Weg.“

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