Schlagwort: Fotorealismus

  • WETTSTREIT MIT DER WIRKLICHKEIT  — Fotografien malen

    WETTSTREIT MIT DER WIRKLICHKEIT — Fotografien malen

    60 Jahre Fotorealismus – Ausstellung im Museum Frieder Burda

    Baden-Baden / 28. Februar – 02. August 2026

    Es gibt Ausstellungen, die man nicht nur betrachtet, sondern die einen zwingen, das eigene Sehen selbst zu überprüfen. Die Schau zum Fotorealismus im Museum Frieder Burda ist ein solches Ereignis. Unter dem Titel „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ offenbart sich hier weit mehr als nur handwerkliche Virtuosität. Es ist ein tiefgreifender Kommentar zu unserer Wahrnehmung im medialen Zeitalter.

    Man nähert sich den Kunstwerken und könnte schwören eine große Fotografie vor sich zu haben. Und das stimmt. Es ist eine Fotografie. Aber eine gemalte. Das größte Missverständnis über Fotorealisten wie Richard Estes, Ralph Goings oder Chuck Close ist die Annahme, sie würden die physische Welt malen. Das tun sie nicht! Sie malen Fotografien. Ihr Vorbild ist nicht die Straßenszene, sondern das Foto, Dia oder der Abzug dieser Szene.

    Damit thematisieren sie, dass unsere Lebenswelt bereits radikal mediatisiert ist. Wir nehmen die Realität zunehmend durch Linsen, Rahmen und Bildschirme wahr. Philosophisch betrachtet lässt sich das wunderbar mit Martin Heideggers Gedanken aus Die Zeit des Weltbildes“ fassen: Die Welt wird für den modernen Menschen überhaupt erst dadurch zur Wirklichkeit, dass sie als (technisches) Bild gefasst wird. Der Fotorealismus treibt das auf die Spitze – das fotografische Bild wird zur eigentlichen, unhintergehbaren „Natur“, die der Maler abbildet.

    Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes

    Hat jedes Zeitalter der Geschichte sein Weltbild und zwar in der Weise, daß es sich jeweils um sein Weltbild bemüht? Oder ist es schon und nur die neuzeitliche Art des Vorstellens, nach dem Weltbild zu fragen?

    Was ist das – ein Weltbild? Offenbar ein Bild von der Welt. Aber was heißt hier Welt? Was meint da Bild? Welt steht hier als Benennung des Seienden im Ganzen. Der Name ist nicht eingeschränkt auf den Kosmos, die Natur. Zur Welt gehört auch die Geschichte. Doch selbst Natur und Geschichte und beide in ihrer sich unterlaufenden und sich überhöhenden Wechseldurchdringung erschöpfen nicht die Welt. In dieser Bezeichnung ist mitgemeint der Weltgrund, gleichviel wie seine Beziehung zur Welt gedacht wird.

    Bei dem Wort Bild denkt man zunächst an das Abbild von etwas. Demnach wäre das Weltbild gleichsam ein Gemälde vom Seienden im Ganzen. Doch Weltbild besagt mehr. Wir meinen damit die Welt selbst, sie, das Seiende im Ganzen, so wie es für uns maßgebend und verbindlich ist. Bild meint hier nicht einen Abklatsch, sondern jenes, was in der Redewendung herausklingt: wir sind über etwas im Bilde. Das will sagen: die Sache selbst steht so, wie es mit ihr für uns steht, vor uns. Sich über etwas ins Bild setzen heißt: das Seiende selbst in dem, wie es mit ihm steht, vor sich stellen und es als so gestelltes ständig vor sich haben. Aber noch fehlt eine entscheidende Bestimmung im Wesen des Bildes. \“Wir sind über etwas im Bilde\“ meint nicht nur, daß das Seiende uns überhaupt vorgestellt ist, sondern daß es in all dem, was zu ihm gehört und in ihm zusammensteht, als System vor uns steht. \“Im Bilde sein\“, darin schwingt mit: das Bescheid-Wissen, das Gerüstetsein und sich darauf Einrichten. Wo die Welt zum Bilde wird, ist das Seiende im Ganzen angesetzt als jenes, worauf der Mensch sich einrichtet, was er deshalb entsprechend vor sich bringen und vor sich haben und somit in einem entschiedenen Sinne vor sich stellen will. Weltbild, wesentlich verstanden, meint daher nicht ein Bild von der Welt, sondern die Welt als Bild begriffen. Das Seiende im Ganzen wird jetzt so genommen, daß es erst und nur seiend ist, sofern es durch den vorstellend-herstellenden Menschen gestellt ist. Wo es zum Weltbild kommt, vollzieht sich eine wesentliche Entscheidung über das Seiende im Ganzen. Das Sein des Seienden wird in der Vorgestelltheit des Seienden gesucht und gefunden.

    Überall dort aber, wo das Seiende nicht in diesem Sinne ausgelegt wird, kann auch die Welt nicht ins Bild rücken, kann es kein Weltbild geben. Daß das Seiende in der Vorgestelltheit seiend wird, macht das Zeitalter, in dem es dahin kommt, zu einem neuen gegenüber dem vorigen. Die Redewendungen \“Weltbild der Neuzeit\“ und \“neuzeitliches Weltbild\“ sagen zweimal dasselbe und unterstellen etwas, was es nie zuvor geben konnte, nämlich ein mittelalterliches und ein antikes Weltbild. Das Weltbild wird nicht von einem vormals mittelalterlichen zu einem neuzeitlichen, sondern dies, daß überhaupt die Welt zum Bild wird, zeichnet das Wesen der Neuzeit aus.

    Aus: Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes (1938). In: Gesamtausgabe. Bd. 5: Holzwege. Frankfurt (Main): Klostermann, 1977, S. 87-88

    „Phil“
    Chuck Close
    1940 – 2010

    Visuelle Bestandsaufnahme: Das Gesicht als Landschaft

    Das Bild ist eine gemalte Fotografie. Man glaubt es nur aus der Nähe der Betrachtung, aus wenigen Zentimetern. Das Gemälde zeigt das Gesicht eines Mannes in einer extremen, fast bedrängenden Nahaufnahme. Der Ausschnitt orientiert sich an der strengen, unpersönlichen Ästhetik eines Passfotos: frontal, direkter Blick in die Linse, leicht geöffneter Mund.

    „Phil“ (Detail)

    Auffällig ist die mikroskopische Detailversessenheit: Jede Pore, jede Hautfalte, die Struktur der Lippen und das unruhige Spiel der feinen Locken werden mit unbestechlicher Schärfe wiedergegeben. Ein hartes, dramatisches Schlaglicht von der (vom Betrachter aus) linken Seite erzeugt tiefe Schattenpartien und modelliert das Gesicht fast wie ein Relief. Die Glanzlichter (Catchlights) in den Pupillen verraten die Anwesenheit der künstlichen Lichtquelle – und damit des fotografischen Apparats.

    Im Kontext des Fotorealismus: Der mechanische Blick und das Verschwinden des Subjekts

    Wenn wir dieses Porträt durch die Linse des Fotorealismus betrachten, offenbaren sich die Kernprinzipien dieser Kunstrichtung:

    • Das Foto als eigentliches Vorbild: Der Maler hat hier keinen lebenden Menschen gemalt, der stundenlang Modell saß. Er hat ein Foto – genauer gesagt: die spezifischen optischen Effekte einer Kameralinse – auf die Leinwand übertragen. Die Tiefenunschärfe an den Rändern, die extrem harte Kontrastierung und die Fixierung des Bruchteils einer Sekunde (der leicht geöffnete Mund) sind ureigene Eigenschaften der Fotografie, nicht der traditionellen Malerei.
    • Objektivität statt Psychologie: In der klassischen Porträtmalerei versucht der Künstler, die „Seele“, den Charakter oder die Stimmung des Dargestellten einzufangen. Der Fotorealismus verweigert sich dem radikal. Das Gesicht wird hier völlig wertfrei wie eine topografische Landkarte abgetastet und gerastert. Eine Pore wird mit derselben stoischen Präzision und Aufmerksamkeit gemalt wie das Auge.
    • Die Überwältigung durch den Maßstab: Im Original sind solche fotorealistischen Porträts (wie die von Chuck Close) oft überlebensgroß, teils mehrere Meter hoch. Durch diese gigantische Vergrößerung verliert das Gesicht seine Intimität. Es wird zu einer abstrakten Landschaft aus Licht und Schatten.

    An diesem gemalten Foto springt die „Tilgung des Subjekts“ sofort ins Auge. Der Maler tritt als interpretierendes Wesen völlig in den Hintergrund und macht sich zum Ausführungsorgan der Kamera. Das Bild leistet keinen Widerstand durch emotionale Pinselstriche; es offenbart nichts von psychisch-emotionalen Inneren; es liefert uns stattdessen die schmerzhaft genaue, aber völlig kühle „Tatsache“ einer fotografischen Oberfläche. Es ist die Realität zweiter Ordnung in Reinkultur.

    Der Künstler tritt hinter das Werk zurück und macht sich fast selbst zur Maschine. Durch strenge Rasterverfahren und den Einsatz von Airbrush-Pistolen wird jede individuelle „Handschrift“ auf der Leinwand ausgemerzt. Es ist eine fast stoische Unterwerfung unter das Diktat des „Vorbilds“. Diese extreme Objektivität wirft die Frage auf: Was bleibt vom Menschen in einer Welt, die von maschineller Präzision dominiert wird?

    Die Ästhetik des Glatten und die Hyperrealität

    Die Motive des Fotorealismus sind oft extrem banal: amerikanische Diner, spiegelnde Autos, Ketchup-Flaschen, verglaste Schaufenster. Doch durch die malerische Vergrößerung und die penible Detailtreue entsteht etwas Neues: eine Hyperrealität (ein Begriff, der später durch Jean Baudrillard geprägt wurde). Das Gemälde wirkt paradoxerweise „echter“ und präsenter als der abgebildete Gegenstand selbst.
    Auffällig ist dabei die Dominanz spiegelnder, makelloser Oberflächen – Chrom und Glas. Man kann hier eine direkte Linie zu zeitgenössischen Gegenwartsdiagnosen ziehen, etwa zur Philosophie von Byung-Chul Han. Die fotorealistische Leinwand nimmt das vorweg, was Han die „Errettung des Schönen“ oder die Ästhetik des Glatten nennt: Eine Oberfläche, die dem Auge keinen Widerstand mehr leistet, an der der Blick abgleitet, die aber in ihrer radikalen Transparenz und Glätte eine ganz eigene, fast unheimliche Faszination ausübt.

    Der „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ ist also kein Kampf gegen die Fotografie, sondern die Bewusstmachung, dass wir den direkten Zugang zur Realität längst verloren haben. Das Gemälde zwingt uns, nicht auf die Welt zu schauen, sondern darauf, wie wir auf die Welt schauen.

    Die Apparatur des Sehens: Karin Kneffels kalkulierte Unschärfe

    Karin Kneffel (1957)
    Ohne Titel 2023

    Das unbetitelte Stillleben von Karin Kneffel zeigt auf den ersten Blick ein klassisches Motiv: Ein üppiges Bouquet violetter Tulpen in einer gläsernen Vase, davor drapiert die Schale einer geschälten Mandarine. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich das Gemälde als hochkomplexe Reflexion über das Sehen im Zeitalter der Fotografie.

    Das Diktat der Kameralinse (Tiefenunschärfe)

    Das bestimmende Element dieses Bildes ist der extreme Kontrast zwischen dem hyperpräsenten Vordergrund und dem geradezu verschwimmenden Hintergrund. Das menschliche Auge nimmt einen Raum niemals auf diese Weise wahr; es fokussiert dynamisch um. Diese spezifische Art der Unschärfe ist ein rein optischer Effekt, der entsteht, wenn eine Kamera mit offener Blende (Makro-Einstellung) auf ein nahes Objekt fokussiert.

    Kneffel malt hier also nicht einfach Blumen vor einem Fenster. Sie malt exakt den Moment, in dem der mechanische Apparat der Kamera den Raum in eine scharfe Fokusebene und eine diffuse Hintergrundebene zerschneidet. Das Bild zwingt uns, mit dem „Auge der Linse“ zu sehen. Die Realität, die hier abgebildet wird, ist durch und durch eine fotografische.

    Der Hyperrealismus des Materials

    In der Fokusebene wendet Kneffel die klassische Akribie des Fotorealismus an: Die Brechung des Lichts im dicken Glas der Vase, die saftigen, fast fleischigen Stängel der Tulpen im Wasser und die detaillierte Textur der Mandarinenschale werden mit unbestechlicher Präzision herausgearbeitet. Diese Objekte besitzen jene „Ästhetik des Glatten“, die den Blick fast widerstandslos über ihre perfekte Oberfläche gleiten lässt. Sie sind auf eine Art und Weise anwesend, die echter wirkt als die Natur selbst.

    Das mediatisierte Vanitas-Motiv

    Besonders raffiniert ist das kompositorische Gegengewicht im unscharfen Hintergrund. Dort zeichnet sich, wie ein dunkler Schatten oder ein fotografisches Negativ, die Silhouette einer zweiten Vase mit verwelkten, vertrockneten Pflanzen ab. Kneffel zitiert hier das klassische Vanitas-Motiv (die Vergänglichkeit des Lebens), übersetzt es aber in die Sprache des Fotorealismus. Die frischen, prallen Tulpen im Schärfebereich stehen der dunklen, diffusen Vergänglichkeit in der Unschärfe gegenüber.


    „Wettstreit mit der Wirklichkeit“

    Wenn der Fotorealismus uns zeigt, wie wir auf die Welt schauen, dann führt uns Karin Kneffel vor Augen, wie stark unsere Wahrnehmung durch die optischen Gesetze unserer Apparate konditioniert ist. Wir haben uns so sehr an das fotografische Bild gewöhnt, dass wir diese gemalte, extreme Tiefenunschärfe nicht als Fehler, sondern als Ausweis besonderer „Realitätsnähe“ lesen. Es ist ein brillanter visueller Beweis dafür, dass unsere Wirklichkeit längst eine medial vermittelte ist.

    Lange Zeit wurde der Fotorealismus postmodern gedeutet: Alles ist nur noch eine Kopie einer Kopie, die eigentliche Realität ist für uns unerreichbar oder existiert gar nicht mehr. Alles ist nur Konstruktion.

    Neuer Realismus: Alles ist real, aber nicht im selben Feld

    Markus Gabriels Neuer Realismus wehrt sich radikal gegen diesen postmodernen Relativismus und Konstruktivismus. Seine Kernthese lautet: Die Dinge existieren wirklich, und wir können sie erkennen. Es gibt reale Tatsachen. Wenn wir den Fotorealismus durch diese Brille betrachten, ist das Gemälde eines Diner-Schaufensters kein Beweis für den Verlust der Wirklichkeit, sondern die Feier einer ganz spezifischen, handfesten Wirklichkeit.

    Das zentrale Konzept bei Gabriel ist die Sinnfeldontologie. Er behauptet bekanntermaßen: „Die Welt gibt es nicht“ – gemeint ist damit, dass es keinen einzigen, alles umfassenden Container gibt, in dem alles existiert.

    Stattdessen gibt es unzählige „Sinnfelder“, in denen Dinge erscheinen. Übertragen auf den Fotorealismus bedeutet das:

    • Das physische Auto auf der Straße existiert (im Sinnfeld der physikalischen Alltagswelt).
    • Das Foto dieses Autos existiert (im Sinnfeld der fotografischen Abbildung).
    • Das fotorealistische Gemälde von diesem Foto existiert (im Sinnfeld der Kunst).

    Im Neuen Realismus sind alle drei Dinge gleich real. Das Gemälde ist keine „falschere“ oder „schlechtere“ Realität als das Auto auf der Straße. Der „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ ist aus Sicht des Neuen Realismus also kein Nullsummenspiel, bei dem nur einer gewinnen kann. Er macht vielmehr die faszinierende Pluralität der Wirklichkeit sichtbar.

    Die Hervorhebung der „Tatsachen an sich“

    Der Fotorealismus zwingt uns, extrem genau hinzusehen. Er lenkt den Blick auf die spiegelnde Motorhaube, die Lichtbrechung im Glas, die Falte im Stoff – und zwar völlig wertfrei und unemotional.

    Das genau ist die Haltung des Neuen Realismus. Gabriel geht es darum, die Dinge wieder als das ernst zu nehmen, was sie sind, ohne sie sofort durch das Subjekt (den Betrachter) zu relativieren. Das fotorealistische Gemälde drängt das künstlerische Subjekt (die Handschrift des Malers) zurück und lässt das Objekt in seiner eigenen materiellen Präsenz sprechen.

    Fazit: Wenn die Ausstellung von einem „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ spricht, würde Markus Gabriel vermutlich sagen: Dieser Wettstreit zeigt uns, dass Wirklichkeit nicht eindimensional ist. Das fotorealistische Bild kämpft nicht gegen die Fotografie oder die Natur um den Titel der einen wahren Realität, sondern es öffnet schlicht ein neues, extrem verdichtetes Sinnfeld, in dem wir die Wirklichkeit auf eine neue Art erfahren.

    Flyer des Frieder Burda Museums – Wettstreit mit der Wirklichkeit

    https://www.museum-frieder-burda.de/img/expo/260120_MFB_BB_Wettstreit_mit_der_Wirklichkeit_Flyer_DE_Ansicht_ES.pdf

    Literatur:

    • Museum Frieder Burda (Hrsg.): Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus. (Hirmer Verlag, 2026).
    • Byung-Chul Han: Die Errettung des Schönen. (Matthes & Seitz, 2015).
    • Markus Gabriel: Sinn und Existenz – Eine realistische Ontologie. (Suhrkamp, 2016).
    • Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt. (Ullstein Verlag, 2013).