Kategorie: Musik

  • Wie klingt das Wort Gottes?

    Wie klingt das Wort Gottes?

    Das Wort Gottes, das Klang wird: Johann Sebastian Bach (1685-1750) 

    Johann Sebastian Bach wird oft als der „fünfte Evangelist“ bezeichnet – und das mit gutem Grund. Seine Kantaten sind weit mehr als eine musikalische Auslegung der Schrift; sie sind vertonte Verkündigung. In ihnen wird die Theologie nicht zum Gegenstand der Unterhaltung, sondern zur unmittelbaren „Zusage“ des Heils. Doch wie trifft diese Zusage einen Menschen der Moderne, der sich – wie der jüngst verstorbene Philosoph Jürgen Habermas (1929-2026) – als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet?

    Habermas konstatierte damit ein Fehlen jener Resonanzfähigkeit für das Religiöse, die in Bachs Welt noch das Fundament allen Seins war. Doch gerade hier entfaltet Bachs Werk seine ganze Kraft:

    • Jenseits der Begrifflichkeit: Wo das Wort allein bei dem „Unmusikalischen„ vielleicht an kognitive Grenzen stößt, tritt die Musik als „Gnadenmittel“ auf den Plan. In „Erschallet, ihr Lieder“ (BWV 172) machen die drei Trompeten die Trinität physisch spürbar. Sie adressieren nicht das theologische Wissen, sondern die nackte Existenz.
    • Die Ordnung gegen das Chaos: In „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 190) spiegeln die polyphonen Strukturen eine Ordnung der Schöpfung wider, die auch den säkularen Hörer in eine Form des „Gehaltenseins“ hineinzieht, die er sich selbst nicht geben kann.

    Bachs Partituren sind klingende Predigten, die im Hören das bewirken, was sie besingen. Sie setzen kein vorgefertigtes Gottesverhältnis voraus, sondern sie stiften es im Moment des Erklingens. In diesem Sinne ist Bachs Musik im höchsten Maße sakramental: Sie ist nicht bloßes Zeichen, sondern sie vergegenwärtigt die zugesagte Gemeinschaft Gottes (Joh 14,23).

    Selbst für den „religiös Unmusikalischen“ wird Bach so zu einer Brücke. Nicht, weil die Musik ihn „achtsam“ für sich selbst macht, sondern weil sie ihn mit einer Liebe und einer Treue konfrontiert, die extra nos – außerhalb seiner selbst – liegt und ihn trotz seiner modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen direkt anspricht.

    Konzert UniChor: „Erschallet, ihr Lieder!“ 16.07.22

    Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!

    Festliche Kantaten von J. S. Bach

    „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“  (BWV 172)
    „Singet dem Herrn ein neues Lied“  (BWV 190)
    „Ich bin vergnügt in meinem Glücke“  (BWV 84)

    Ausführende:

    Annemarie Pfahler, Sopran
    Luca Segger, Altus
    Fabian Kelly, Tenor
    Julian Clement, Bass

    UniChor Mainz
    Neumeyer Consort

    Leitung: Felix Koch

    (Erstes Konzert des UniChores Mainz nach der Corona-Pandemie 16. Juli 2022 in der Lutherkirche Wiesbaden)

    1. Singet dem Herrn ein neues Lied

    (BWV 190)

    Anlass: Neujahr (Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu)

    Theologisch markiert dieses Werk die Schwelle zwischen dem Gestern und dem Morgen. In der lutherischen Orthodoxie des 18. Jahrhunderts war das Neujahrsfest eng mit dem Namen Jesu verbunden.

    • Dankbarkeit und Vertrauen: Der Rückblick auf das vergangene Jahr ist von Dankbarkeit geprägt, während der Ausblick in die Zukunft das Gottvertrauen ins Zentrum stellt. Das „neue Lied“ (Psalm 149 & 150) ist hier nicht nur eine musikalische Anweisung, sondern ein Ausdruck der Erneuerung durch Christus.
    • Das Te Deum: Bach integriert den lutherischen Lobgesang „Herr Gott, dich loben wir“. Damit stellt er das individuelle Schicksal des Gläubigen in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte.
    • Die Bitte um Segen: Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Es geht um die biblische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Der Anlass: Die Schwelle zum Neuen Jahr unter dem Namen Jesu:

    Die Kantate BWV 190 wurde für den Neujahrstag komponiert, der in der lutherischen Tradition des 18. Jahrhunderts untrennbar mit dem Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu verbunden war. Damit markiert das Werk eine existentielle Schwelle: Der Übergang vom Gestern zum Morgen wird hier nicht als rein zeitlicher Fortschritt verstanden, sondern als ein Schritt unter die Herrschaft Christi.

    Glaube als Schutzraum:

    Der Name „Jesus“ als Kern der Wirklichkeit Zentral für das Verständnis dieser Kantate ist die Erkenntnis, dass Bach hier kein christlich verbrämtes „positives Denken“ vertritt. In BWV 190 geht es nicht um die psychologische Fähigkeit, optimistisch in die Zukunft zu blicken, sondern um den Glauben als ein „Festmachen“ an einer objektiven Zusage. Einer Zusage, die uns in der Geschichte und in jedem guten zwischenmenschlichen Wort begegnet. Der Glaube kommt vom Hören dieses Wortes.  Der Name „Jesus“ (Jeschua = Der Herr rettet) ist der theologische Kern: Dieser Name bildet den neuen Schutzraum des Lebens. Glauben heißt hier, sich mit der eigenen Existenz an die im Wort Christi zugesagte Wirklichkeit zu halten – ein Vertrauen, das kein diffuses Gefühl ist, sondern das Ankern in einer neuen Lebenswirklichkeit.

    Das „neue Lied“:

    Reaktion statt Aktion Das „neue Lied“ (nach Psalm 149 und 150) ist weit mehr als eine musikalische Anweisung; es ist der Ausdruck einer Erneuerung, die den Menschen von außen (extra nos) trifft. Bei Bach ist der Mensch primär ein Hörender und Antwortender. Das Singen ist kein eigenmächtiges Tun, sondern die unvermeidliche Reaktion auf die Treue Gottes und die Erfahrung seiner Gegenwart. Es ist die Antwort der Kreatur auf die schöpferische Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Das Te Deum:

    Einbindung in die Heilsgeschichte Durch die Integration des lutherischen Lobgesangs „Herr Gott, dich loben wir“ (Te Deum) weitet Bach den Blick: Das individuelle Schicksal des Gläubigen am Jahreswechsel wird aus seiner Isolierung befreit und in den großen Kontext der weltweiten Kirche und der göttlichen Heilsgeschichte gestellt.

    Die Bitte um den bleibenden Segen

    Die Kantate gipfelt in der Bitte, dass Gott auch im neuen Jahr Schutzherr bleibt. Dies ist keine vage Hoffnung, sondern die Inanspruchnahme der göttlichen Zusage. In der Ordnung der polyphonen Strukturen spiegelt sich jene unerschütterliche Ordnung der Schöpfung wider, in der der Mensch durch den Namen Jesu seinen sicheren Platz findet.

    2. Erschallet, ihr Lieder (BWV 172)

    Anlass: Pfingstsonntag

    Diese Kantate ist eine der prächtigsten musikalischen Darstellungen der Pfingsttheologie. Ihr zentrales Thema ist die Realpräsenz Gottes im Geist: Gott bleibt kein fernes Prinzip, sondern wird zum innersten Gegenüber des Menschen.

    Die Verheißung: Das Herz als „Hütte“ Gottes

    Das theologische Herzstück ist das Wort Jesu aus Johannes 14,23:

    Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“

    Bach vertont hier die Unio Mystica (die geheimnisvolle Vereinigung). Das menschliche Herz wird zum Tempel, zur „Hütte“ für den Schöpfer. Das ist kein distanziertes Gottesbild, sondern eines der extremen Nähe und Gemeinschaft: In wem Gott wohnt, der wohnt in Gott. Im berühmten Duett zwischen Sopran (Seele) und Alt (Heiliger Geist) wird diese Sehnsucht nach Vereinigung fast physisch spürbar. Die Musik illustriert das Wirken des Geistes nicht als abstrakte Kraft, sondern als Tröster und belebendes Element.

    Kontrast zur Moderne: Performativer Akt statt Selbstoptimierung

    In unserer heutigen Lesart neigen wir dazu, die Qualität des „inneren Raums“ psychologisch zu deuten. In einer lauten, digitalen Welt erscheint die Idee der „Seele als Tempel“ zwar hochaktuell – doch Bachs Theologie geht weit über moderne Achtsamkeitspraktiken hinaus:

    Kein Wellness-Programm: Das Zitat aus Johannes 14,23 ist bei Bach kein Vorschlag zur Selbstoptimierung. Es ist ein „performativer Akt“: Wenn Gott sagt, er mache Wohnung im Menschen, dann geschieht das durch das Wort selbst. Stellen Sie sich vor – Gott spricht und wir verstehen ihn! 

    Extra Nos (Das Heil von außen): In der christlichen Tradition liegt das Heil niemals im Menschen oder in seiner Fähigkeit zur Versenkung. Es liegt „extra nos“ – außerhalb von uns – in Christus. Bachs Musik führt uns daher nicht tiefer in die Selbstbezogenheit, sondern befreit uns zu einer neuen Aufmerksamkeit für das Leben und die Lebendigkeit.

    Gnade statt Technik: Wir „bauen“ keine Wohnung für Gott durch Meditation oder Atemtechniken. Er kommt und ist da durch sein Wort, das wir im Glauben annehmen. Die Musik bildet nicht die Anstrengung des Menschen ab, Gott zu finden, sondern die überbordende Freude darüber, dass man gefunden wurde.

    Die Radikalität der Abhängigkeit

    Man kann diese Kantate als „schöne Musik“ genießen, aber ihre innere Architektur erschließt sich erst, wenn man das Gegenüber akzeptiert. Die Musik will uns nicht zu uns selbst führen, sondern uns von uns selbst weg – hin zu dem Gott, der uns in seiner Liebe birgt.Die zugesagte Gemeinschaft ist das Primäre; die Aufmerksamkeit für die Welt ist lediglich die Frucht, nicht die Wurzel. Es ist vielleicht genau diese Radikalität – dieses völlige Angewiesen-Sein auf ein äußeres Wort –, die Bachs Musik heute so provokant und gleichzeitig so unendlich tröstlich macht.

    3. Ich bin vergnügt mit meinem Glücke (BWV 84) Sopran Arie: „Ich esse mit Freuden mein weniges Brot“

    Die gesamte Kantate BWV 84, die Bach 1727 für den Sonntag Septuagesima komponierte, dreht sich um das Thema Zufriedenheit (Vergnügsamkeit). Der Text basiert auf dem Evangelium des Tages, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, in dem es um göttliche Gnade und menschlichen Neid geht. Bachs Werk ist ein Plädoyer dafür, das eigene Schicksal dankbar aus Gottes Hand anzunehmen, ohne auf andere zu schielen.

    Diese Sopran-Arie ist das emotionale Herzstück der Kantate.

    Spirituelle Botschaft: Das „wenige Brot“ symbolisiert ein einfaches, materiell bescheidenes Leben. Die Freude rührt nicht vom Reichtum her, sondern von einem reinen Gewissen und dem Vertrauen auf Gott. Es ist die Darstellung eines „stillen Glücks“.

    Musikalische Gestaltung: Bach wählt hier eine Besetzung mit Sopran, Oboe und Streichern. Die Oboe spielt oft verspielte, fast vogelartige Motive, die eine ländliche, unbeschwerte Idylle suggerieren. Der Rhythmus ist tänzerisch und leicht, was die innere Fröhlichkeit des Gläubigen unterstreicht.

    Während BWV 172 die Architektur der Innenwelt beschreibt, zeigt uns die Solokantate BWV 84 („Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“), wie dieser Zuspruch in den Alltag einsickert. In der Arie ‚Ich esse mit Freuden mein weniges Brot‘ vertont Bach eine Form der Genügsamkeit, die radikaler ist als jede moderne Konsumkritik. Diese Freude speist sich nicht aus dem Besitz, sondern aus der Geborgenheit in dem, was Gott für den Menschen vorgesehen hat, seine Bestimmung: Gemeinschaft mit Gott. Hier wird die Musik zum wirksamen Mittel, das – wie es im Text heißt – ‚die Not verzuckert‘. Es ist die klanggewordene Freiheit eines Menschen, der nichts mehr beweisen muss, weil er sich bereits beschenkt weiß.

    In dem Video der J.S. Bach-Stiftung ist die Sopranistin Gerlinde Sämann zu hören. Sie gilt als eine der profiliertesten Interpretinnen im Bereich der Alten Musik und zeichnet sich durch mehrere bemerkenswerte Merkmale aus:

    Besondere Merkmale der Sängerin

    • Stimmliche Reinheit: Gerlinde Sämann ist bekannt für ihre außergewöhnlich klare und „ätherisch schwebende“ Stimme. Ihr Timbre wird oft als „engelhaft“ und von seltener Reinheit beschrieben.
    • Musikalische Intensität: Ihr Gesang zeichnet sich durch eine besondere „Innerlichkeit“ und emotionale Tiefe aus. Kritiker loben ihre Fähigkeit, geistliche Texte mit einer fast überirdischen Präsenz zu füllen.
    • Blindheit und Professionalität: Eine einzigartige Besonderheit ist, dass Gerlinde Sämann von Geburt an sehbehindert ist und als Jugendliche ihr Augenlicht vollständig verlor.
      • Sie erarbeitet sich ihre komplexen Partien mithilfe von Braillenoten, die sie mit den Fingern erfühlt.
      • Auf der Bühne nutzt sie diese Punktschrift-Noten oft als Orientierungshilfe; die ruhige Bewegung ihrer Hand über die Notenblätter gilt als eines ihrer „Markenzeichen“.
    • Hohe Auszeichnungen: Für ihren herausragenden Einsatz in der geistlichen Musik wurde ihr erst kürzlich der Preis der Europäischen Kirchenmusik 2025 zugesprochen.

    Dass sie trotz ihrer Erblindung auf diesem Weltklasseniveau agiert, verleiht ihren Auftritten oft eine ganz besondere Konzentration und eine tiefe Verbindung zum Ensemble, die über den rein visuellen Kontakt hinausgeht.

    Um das Video anzuschauen bitte markieren und mit Rechtsklick zu Link in Youtube öffnen:

    4. Jauchzet, frohlocket (BWV 248/I)

    Anlass: 1. Weihnachtstag (Teil I des Weihnachtsoratoriums)

    Obwohl technisch der Beginn eines zyklischen Großwerks, fungiert dieser erste Teil wie eine eigenständige, festliche Kantate zum Christfest. Er etabliert das fundamentale Paradox der christlichen Botschaft: Der Glanz des Himmels trifft auf die Armseligkeit der Erde.

    Das inkarnatorische Paradox: Die Erniedrigung des Königs

    Das theologische Hauptthema ist die Menschwerdung Gottes (Inkarnation). Bach setzt hier musikalisch auf einen maximalen Kontrast:

    • Der Ruf: Pauken und Trompeten rufen zum Lobpreis des „Königs“ auf. Die Musik ist herrschaftlich, brillant und fordernd.
    • Die Realität: Die biblische Erzählung (nach Lukas 2) führt jedoch weg vom Thronsaal direkt in den Stall, zur Krippe und zu den Windeln.

    Dieser „Große Tausch“ ist lutherische Theologie in ihrer reinsten Form: Gott wird arm, damit wir reich werden; er wird Mensch, damit wir zu Gott kommen können. Das „Jauchzen“ ist somit die emotionale Antwort der Menschheit auf dieses unbegreifliche Wunder.

    Zion als Braut: Mystische Hochzeit

    In der Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ wird die Gemeinde aufgefordert, sich wie eine Braut auf ihren Bräutigam vorzubereiten. Weihnachten wird hier als mystische Hochzeit zwischen Himmel und Erde verstanden. Es geht nicht um ein historisches Gedenken, sondern um eine gegenwärtige Herzensbeziehung.

    Heutige Lesart: Die Würde des Verletzlichen

    Für den modernen Menschen, der oft im Hamsterrad von Perfektionismus und Erfolgszwang gefangen ist, bietet dieses Werk eine radikale Befreiung:

    • Absage an den Perfektionismus: Dass das „Höchste“ im „Niedrigsten“ erscheint, entlarvt unsere Machtbesessenheit. Das Wertvolle im Leben liegt oft nicht im messbaren Erfolg, sondern in den Momenten der eigenen Schwachheit und Armseligkeit.

    Blickwechsel: Befreiung aus der Selbstbezogenheit

    Der entscheidende theologische Punkt ist die neue Aufmerksamkeit. Wenn das Oratorium mit diesem gewaltigen Ruf beginnt, ist das eine Einladung zur Extase im wörtlichen Sinne (Heraus-treten aus sich selbst). Weil Gott in die Welt kommt, muss der Mensch nicht mehr krampfhaft in sich selbst hineinstarren (incurvatus in se), um Sinn oder Erlösung zu finden. Er wird frei, die Welt und den Nächsten neu wahrzunehmen.

    Geborgenheit in der Schwachheit: Die „Krippe“ wird zum Ort, an dem die Angst ihre Macht verliert. Nicht, weil wir plötzlich übermenschlich mutig werden, sondern weil Gott sich in die menschliche Verletzlichkeit hineinbegeben hat. Das schafft eine Existenzgrundlage, die tiefer gründet als jede psychologische Stabilität: die reine, unverdiente Zusage.

    Mitschnitt aus einer Chorprobe des UniChores Mainz mit UniOrchester. Hier der Eröffnungschor Weihnachtsoratorium zum Anschauen:

    Warum Bach auch ohne expliziten Glauben wirkt

    Der Dirigent John Eliot Gardiner (Music in the Castle of Heaven, 2013) beschreibt Bachs Musik als eine Kraft, die die „Tiefenschichten der menschlichen Psyche“ unmittelbar erreicht. Doch warum „funktioniert“ diese Musik auch bei Menschen, denen der traditionelle Zugang zum Glauben fehlt? Es gibt drei Ebenen, auf denen Bachs Werk für moderne Hörer zur Heimat werden kann:

    1. Die Musik als „Sicherer Hafen“ (Kosmische Ordnung) 

    Die mathematische Strenge und architektonische Klarheit von Bachs Kompositionen – für ihn selbst ein Abbild der göttlichen Weltordnung – wirken auf heutige Hörer oft wie ein Anker. In einer als fragmentiert und chaotisch erlebten Welt vermittelt die Struktur einer Fuge ein tiefes Gefühl von Gehaltensein. Die Musik ist hier kein dekoratives Element, sondern ein stabiles Fundament, das Standfestigkeit schenkt.

    2. Säkularisierte Mystik und Transzendenz 

    Bach führt den Hörer an die Grenzen des Sagbaren. Viele erleben in seiner Musik das, was die Psychologie „Gipfelerfahrungen“ nennt: Eine Form von säkularer Mystik, in der man eine Verbindung zu etwas spürt, das das eigene Ich übersteigt – sei es die Unendlichkeit der Kunst oder die Tiefe der Menschheitsgeschichte. Die Musik öffnet einen Raum für das Unverfügbare, ohne den Hörer sofort auf ein Dogma zu verpflichten.

    3. Die Radikalität der Ur-Emotionen 

    Bachs nimmt Texte die von einer hochemotionalen Sprache geprägt sind. Sie verhandeln existenzielle Ur-Erfahrungen: Sehnsucht, Angst, Erleichterung und Schmerz. Diese Affekte sind zeitlos. Man muss nicht die Lehre von der Trinität durchdrungen haben, um die existentielle Befreiung nachzuempfinden, die in einer Arie wie „Bereite dich, Zion“ mitschwingt.

    Bach trifft Habermas: Das Ende der Sprachlosigkeit

    Der Philosoph Jürgen Habermas beschrieb sich selbst als „religiös unmusikalisch“. Er steht damit stellvertretend für die moderne Existenz: Man hat zwar Respekt vor der „semantischen Energie“ der Religion und spürt, dass dort wichtige Wahrheiten lagern, kann aber den „Glaubenssprung“ intellektuell nicht mehr vollziehen.

    Bach als der ultimative „Übersetzer“ Hier liegt die radikale Antwort Bachs: Seine Musik ist die Übersetzung des Religiösen, die direkt ins Herz trifft, ohne den Umweg über den Verstand nehmen zu müssen. Wenn es stimmt, dass Bachs Musik sakramental wirkt – also das bewirkt, was sie besingt –, dann ist sie die Antwort auf Habermas’ Skeptizismus:

    • Zuspruch statt Begründung: Während der Philosoph nach vernünftigen Begründungen sucht, bietet Bach den Zuspruch.
    • Das Wasser und die Welle: Man muss nicht „religiös musikalisch“ sein, um von einer Welle getragen zu werden; es genügt, im Wasser zu sein. Bachs Musik ist dieses Wasser. Sie umspült den Hörer mit einer Geborgenheit, die auch dem „Tauben“ und dem Zweifler gilt.

    Theologischer Nachgedanke Bachs Musik fordert keine religiöse Begabung. Sie begegnet der modernen Sprachlosigkeit gegenüber dem Heiligen nicht mit Forderungen, sondern mit einem Angebot. Seine Antwort auf die menschliche Unzulänglichkeit ist das klanggewordene Versprechen einer Liebe, die bereits da ist, bevor wir sie benennen können.Tipp für den heutigen Zugang: Versuchen Sie beim Hören, das Wort „Gott“ nicht als eine ferne Person zu denken, sondern als jene objektive Instanz des absolut Guten, Wahren und Schönen, die uns von außen begegnet. Plötzlich verwandeln sich die Kantaten von historischen Dokumenten in hochaktuelle Meditationen über das, was unser Menschsein im Innersten zusammenhält.

    (Mitschnitt gesamtes Konzert des UniChores Mainz vom 16.07.2022)

  • Haydns „Schöpfung“ oder Utopie in einer gebrochenen Welt

    Haydns „Schöpfung“ oder Utopie in einer gebrochenen Welt

    Die Schöpfung, 1798 in Wien uraufgeführt, ist nicht nur eines der wichtigsten Werke Joseph Haydns, sondern das wohl bedeutendste Oratorium der Wiener Klassik: Es begründete einen neuen Oratorien-Typ, der für das gesamte 19. Jahrhundert prägend wurde. Vor allem die starke Betonung der Rolle des Chores (in Anlehnung an die Oratorien Händels), der glanzvolle Formenreichtum und die geradezu überbordende Fülle musikalischer Ausdrucksmittel zeichnen Haydns Werk aus und weisen neue Wege – Wege für die lange Zeit darniederliegende Gattung Oratorium hin zu neuem Aufschwung, ja geradezu zu einem Boom des Oratorienschaffens in den folgenden Jahrzehnten.

    Dabei gelingt Haydn das Kunststück wie keinem anderen, hier in seiner Musik höchsten artifiziellen Anspruch mit volkstümlicher Zugänglichkeit und „Verständlichkeit“ zu verbinden. Nicht zuletzt dies garantiert anhaltende Beliebtheit, Erfolg und Stellung dieses Oratoriums bis heute.

    UniChor (Link zum UniChor- einfach draufklicken) und UniOrchester Mainz (Link zum UniOrchester – einfach draufklicken) sind die zentralen großen Ensembles der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Studierende aller Fachbereiche und Nicht-Studierende erarbeiten hier semesterweise Werke der sinfonischen und oratorischen Literatur, „Klassiker“ des Repertoires wie Bachs Magnificat, das Deutsche Requiem von Brahms, Beethovens Neunte oder Verdis Messa da Requiem stehen neben seltener gespielten Werken wie der Sea Symphony von Vaughan Williams, Marschners Vampyr oder Bernsteins Chichester Psalms und veritablen Erstaufführungen wie der Gutenberg-Kantate des Frankfurter Barock-Komponisten Heinrich Valentin Beck.

    Der UniChor umfasst regelmäßig ca. 120, das UniOrchester ca. 80 Mitglieder.

    Felix Koch, Professor an der Hochschule für Musik Mainz der JGU und Direktor des Collegium musicum, leitet die Ensembles seit 2012 und hat sie zu hochprofessionellen, überregional geachteten Klangkörpern geformt.

    Am 7. und 8. Februar 2026 habe ich beim Konzert in Ingelheim in der Tenorstimme mitgesungen. Unten finden Sie meine Gedanken zum Oratorium und warum ich denke, dass man es auch heute noch in seiner Botschaft bedenken kann.


    Zwischen Licht und Schatten: 

    Haydns „Schöpfung“ als Utopie in einer gebrochenen Welt

    Von Eckhard Türk

    Abstract

    Die folgenden Gedanken untersuchen das Spannungsfeld in Josef Haydns Oratorium Die Schöpfung. Ausgehend vom freimaurerischen Optimismus der Aufklärung möchte ich analysieren, wie Haydn eine Welt ohne Sündenfall „komponierte“, während Europa zeitgleich durch die Napoleonischen Kriege erschüttert wurde. Ein besonderer Fokus liegt auf der musiktheoretischen Struktur – dem Sieg der Ordnung über das Chaos –, die in Kontrast zur modernen naturwissenschaftlichen Sichtweise der Evolution sowie zu heutigen Vorstellungen von gesellschaftlicher Gleichberechtigung gestellt wird. Ziel ist es, die Frage zu beantworten, wie dieses Werk heute, in einer ökologisch und politisch fragilen Zeit, als ästhetische Notwendigkeit und Mahnmal neu begriffen werden kann.

    Einleitung

    Wenn in Josef Haydns Oratorium Die Schöpfung nach einer beispiellosen harmonischen Irrfahrt durch das „Chaos“ die gesamte Kraft des Orchesters und Chores in ein strahlendes C-Dur bei dem Wort „Licht“ ausbricht, scheint die Welt für einen Moment perfekt. Doch dieser musikalische Urknall von 1798 steht in hartem Kontrast zu unserer heutigen Realität. Wie kann ein modernes Publikum dieses Werk noch mit Aufrichtigkeit hören oder singen, wenn die Naturwissenschaft das Schöpfungsnarrativ längst entzaubert hat und die Weltgeschichte – damals wie heute – von Gewalt geprägt ist?

    Die Vernunft als kompositorischer Bauplan

    Haydns Werk ist ein Kind der Aufklärung. Beeinflusst durch sein freimaurerisches Umfeld in Wien, betrachtete er die Welt als ein rational geordnetes System. Gott war hier nicht mehr der strafende Richter des Mittelalters, sondern der „Große Baumeister“, dessen Genialität sich in der mathematischen Präzision der Natur widerspiegelt.

    Musiktheoretisch manifestiert Haydn diesen Sieg der Vernunft bereits in der Einleitung, der „Vorstellung des Chaos“. Hier arbeitet er mit einer für die damalige Zeit revolutionären, chromatisch verschleierten Harmonik. Ohne klare Kadenzen und feste Tonart wird ein Zustand der Formlosigkeit suggeriert. Der berühmte C-Dur-Einsatz bei „Und es ward Licht“ ist daher mehr als ein Effekt: Es ist der Sieg der Diatonik über die Chromatik, die Transformation von diffuser Unordnung in mathematisch fassbare musikalische Struktur. In der Architektur der Partitur spiegelt sich die Architektur des Kosmos. 

    Dabei greift Haydn tief in die ursprüngliche Theologie des ersten biblischen Schöpfungsberichts (Genesis 1) zurück. Historisch entstand dieser Text im oder kurz nach dem Babylonischen Exil Israels – einer Zeit der totalen Entwurzelung und des politischen Chaos. Das biblische ‚Tohuwabohu‘ war für die Exilierten keine abstrakte Idee, sondern erlebte Realität. Die Schöpfungserzählung diente dazu, diesem Chaos eine göttliche Ordnung entgegenzusetzen, die im Sabbat ihre heilende Krönung findet. Haydn legt diese theologische Schicht durch seine Musik meisterhaft aus: Sein Weg von der instabilen Chromatik zur strahlenden Ordnung des C-Dur ist die klangliche Entsprechung dieser exilischen Erfahrung. Die Musik wird so zum Versprechen, dass der Mensch durch das Einordnen in Gottes Rhythmus – analog zur Sabbatruhe – aus der Verwirrung zur Klarheit finden kann.

    Haydn erreicht hier das, was sein Zeitgenosse Immanuel Kant als das ‚mathematisch Erhabene‘ bezeichnete. Kant definiert das Erhabene als etwas, dagegen im Vergleich alles andere klein ist, und stellt fest:

    ‚Erhaben ist das, was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemüts beweist, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft.‘ (Kant, KdU, § 25)

    Genau diese Grenzerfahrung vermittelt Haydn im Moment der Licht-Erscheinung: Der Hörer wird durch die schiere Klanggewalt und die harmonische Klarheit aus dem Chaos gerissen und mit einer Ordnung konfrontiert, die über das rein Menschliche hinausweist. 

    Das Wort als schöpferisches Samenkorn: 

    Gottes Schaffen ist in Haydns Oratorium ein reiner Sprechakt. Dieses ‚Wort‘ ist dabei weit mehr als bloße Information; es wirkt wie ein Samenkorn, das den gesamten Plan der Schöpfung bereits in sich trägt. In dieser Weltdeutung ist Gottes Sprechen identisch mit seinem Handeln. Für den Menschen der Aufklärung stellt sich damit die Frage: Wie kann er auf dieses göttliche Wort antworten? Wenn die Welt auf Gottes Wort hin ‚entspringt‘, so versucht der Mensch, sie durch die Kunst – insbesondere durch die Musik – nachzuahmen und sich ihrer Schönheit immer wieder neu zu versichern. In Haydns Werk wird die Musik selbst zum schöpferischen Werkzeug des Menschen: Während die äußere Realität im Chaos versinkt, schafft der Mensch mit den Mitteln der Harmonie eine eigene ‚neue Welt‘. Er lässt sie sich nicht nur von Gott zusagen, sondern baut sie im Akt des Komponierens und Singens aktiv nach, um der Verzweiflung und dem Schrecken Einhalt zu gebieten.

    Das Schweigen des Sündenfalls im Schatten des Krieges. 

    Dies war schon zur Entstehungszeit eine fast trotzige Entscheidung. Haydn machte nicht nur „schöne Musik“, sondern war Teil einer intellektuellen Bewegung , die versuchte, die Größe des Universums fassbar zu machen. Auch wenn wir nicht mehr an die Schöpfung glauben, bleibt das Gefühl des Erhabenen angesichts der Größe der Natur (oder der Musik) bestehen. Der musikalische Urknall verdeutlicht die zentrale Aussage des Werks: „Eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort“. Für Haydn ist die Schöpfung kein blutiger Prozess der Evolution, sondern ein Akt der unmittelbaren Ordnung durch den göttlichen Logos. Das „Wort“ fungiert als ordnendes Prinzip, das aus dem Nichts eine sinnhafte Realität schafft.

    Ein entscheidendes Merkmal des Oratoriums ist das bewusste Aussparen des Sündenfalls. Das Werk endet im dritten Teil mit dem ungetrübten Glück von Adam und Eva. Das Böse, das Leid und die Vergänglichkeit existieren in dieser Partitur nicht.

    Dies war schon zur Entstehungszeit eine fast trotzige Entscheidung. Während Haydn die „Eintracht“ besang, wurde Europa von den Napoleonischen Kriegen erschüttert. Das Ideal der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – versank im Blut der Schlachtfelder. Haydn nutzt hier die Mittel der Mimesis (Nachahmung): Jedes Tier, jeder Sonnenaufgang erhält ein musikalisches Gesicht (Tonmalerei). Doch diese Idylle war 1798 bereits eine Flucht. Er setzte der Realität des Krieges die Utopie einer intakten Welt entgegen – eine Welt „vor dem Sündenfall“.

    Die soziale Hierarchie als Teil der Utopie: Besonders problematisch für ein modernes Publikum ist dabei das Geschlechterverhältnis, das Haydn in diese utopische Ordnung integriert. Wenn Eva Adam versichert: ‚Dein Will ist mein Gesetz‘, prallt das aufklärerische Ideal der hierarchischen Ordnung auf unser heutiges Verständnis von Emanzipation. Doch diese Hierarchie ist bei Haydn nicht einseitig belastet. Im Duett ‚Holde Gattin, dir zur Seite‘ wird deutlich, dass das Leben erst durch das Gegenüber lebenswert wird. Adam besingt die ‚Lebensfülle‘, die er nur an Evas Seite genießt, und beide weihen einander die ‚Seligkeit des Lebens‘. Musiktheoretisch begegnet Haydn diesem Text mit einer bemerkenswerten Zärtlichkeit: Die Stimmen von Adam und Eva bewegen sich oft in Terzen und Sexten – dem musikalischen Symbol für vollkommene Einigkeit. Hier wird das patriarchale Gefälle durch das Ideal der symbiotischen Liebe aufgehoben.

    Hinter dieser musikalischen Idealisierung der Paarbeziehung verbirgt sich bei Haydn eine tiefgreifende biographische Sehnsucht. Seine eigene Ehe mit Maria Anna Keller galt als kinderlos und zutiefst unglücklich; Haydn selbst bezeichnete sie zeitweise als ‚Fegefeuer‘. In der langjährigen, komplizierten Affäre mit der Sängerin Luigia Polzelli und der wahrscheinlichen Vaterschaft seines Sohnes Anton suchte Haydn jene familiäre Geborgenheit, die ihm in der bürgerlichen Legalität verwehrt blieb. Das Paradies der ‚Schöpfung‘ wird somit zur biographischen Kompensations-Utopie: Haydn komponiert eine eheliche Harmonie und eine ungetrübte Elternschaft (wie sie im späteren Terzett anklingt), die er in der Realität nie stabil ausleben konnte. Die Musik ordnet hier nicht nur den Kosmos, sondern heilt – zumindest ästhetisch – die Wunden seines eigenen Lebensentwurfs.

    Man kann diese Passage heute als schmerzliche Utopie einer konfliktfreien Zweisamkeit hören, wohlwissend, dass die Realität der Geschlechterrollen – damals wie heute – eine weitaus komplexere und oft gewaltvollere Geschichte erzählt.

    Der Konflikt mit der Moderne: Wissenschaft vs. Ästhetik

    Heute stehen wir vor einer doppelten Distanzierung:

    1. Naturwissenschaft: Wir wissen, dass die Natur nicht durch einen wohlwollenden Akt der Ordnung entstand, sondern durch Milliarden Jahre von Evolution und oft grausamem Überlebenskampf. Der „Lobsang der Tiere“ wirkt vor dem Hintergrund des Artensterbens fast wie ein schmerzhafter Anachronismus.  Das Risiko des „Wissens“: Hier kommt wieder Uriels Warnung ins Spiel („mehr zu wissen, als ihr sollt“). Der Mensch kann mit seinem Wort (seiner Wissenschaft, seiner Technik) die Welt auch zerstören. Während Gottes Wort Leben spendet, ist das menschliche Wort der Moderne (die rein zweckgerichtete Vernunft) Gefahr gelaufen, die Welt zu entzaubern.
    2. Theodizee: Nach den Gräueln der modernen Geschichte fällt es schwer, bedingungslos in den Jubel über eine „gut geschaffene“ Welt einzustimmen. Musiktheoretisch ließe sich einwenden, dass Haydns Formensprache – die ständigen Terzbeziehungen und die feierlichen Fugen – eine Harmonie suggeriert, die es faktisch nie gab.

    Warum wir es dennoch hören und singen

    Die Antwort auf die Frage, wie man dieses Werk heute noch aufführen kann, liegt in der Unterscheidung zwischen Fakt und Sehnsucht.

    Wir hören Haydns Schöpfung heute nicht als Biologielehrbuch, sondern als anthropologisches Zeugnis. Das Werk verkörpert die tiefe menschliche Sehnsucht nach einer Welt, in der der Mensch noch im Einklang mit seiner Umwelt und seinem Nächsten steht. In einer Zeit, in der wir die Natur technisch beherrschen, aber ökologisch gefährden, wird die Musik zum Mahnmal. Wenn wir heute „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ singen, dann besingen wir vielleicht nicht mehr eine religiöse und theologische Anschauung vergangener Zeiten, sondern die akute und kostbare Schutzwürdigkeit unseres Planeten.

    Fazit

    Die Schöpfung ist heute mehr als ein religiöses Werk; sie ist eine ästhetische Zuflucht. Wir singen sie nicht, weil wir glauben, dass die Welt so ist, sondern weil wir spüren, wie sie sein könnte. Durch die musiktheoretische Strenge der Ordnung bietet uns Haydn einen Raum der Klarheit in einer chaotischen Welt. Die Diskrepanz zwischen der Schönheit der Musik und der Unvollkommenheit unserer Realität erzeugt eine produktive Spannung: Die Diskrepanz zwischen der Schönheit der Musik und der Unvollkommenheit unserer Realität – sei es in Bezug auf die Natur oder die menschliche Gleichberechtigung – erzeugt eine produktive Spannung: Sie erinnert uns daran, was wir zu verlieren haben. Wir schauen mit Haydns Musik zurück in einen Garten, den wir (naturwissenschaftlich und geschichtlich) verloren haben, um daraus die Kraft zu schöpfen, unsere heutige Welt zu bewahren und menschlich miteinander zu leben.


    Anhang: Libretto-Zitate

    Hier sind prägnante Textstellen aus dem Libretto (verfasst von Gottfried van Swieten nach Milton), die sich besonders gut eignen, um die Thesen zur Aufklärung, zur Utopie vor dem Sündenfall, zur Naturharmonie und Geschlechterverhältnis zu belegen.

    Vernunft und Ordnung: „Und Gott sah das Licht, dass es gut war […] Verwirrung weicht der Ordnung an dem heilgen Paar.“ (Uriel/Chor) 

    Die heile Welt: „Der Tau dampft auf, die Sonne steigt. Die Welt ist neu und schön.“ (Adam & Eva)

    Naturharmonie: „Aus tiefem Meere steigt der Wal und wälzt sich auf der Fluten Rücken.“ (Raphael)

    Das ordnende Wort: „Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort.“ (Chor)

    Die Rolle der Frau: „O du, für den ich ward! Mein Schirm, mein Schild, mein All! Dein Will’ ist mein Gesetz.“ (Eva)

    Die Seligkeit der Liebe: „Holde Gattin! Dir zur Seite fließen sanft die Stunden dahin. […] Dir geweiht sei mein Leben, dir geweiht sei jede Kraft.“ (Adam & Eva)

    Das schöpferische Wort des Menschen (Musik): Das göttliche Wort (Logos) als Samenkorn findet seine Entsprechung in der menschlichen Kunst. Während Gott die Welt „spricht“, „singt“ der Mensch sie nach. Das Oratorium ist somit nicht nur ein Lobpreis auf die Vergangenheit, sondern ein aktiver Akt der Welt-Erschaffung durch den Menschen, der sich weigert, das Chaos der Geschichte (Krieg) als letzte Wahrheit anzuerkennen.

    Literatur:

    Haydn, Joseph: Die Schöpfung / The Creation. Hob. XXI:2. Urtext-Ausgabe. (Hier empfiehlt sich das Studium des Vorworts zur Edition, etwa von der Edition Peters oder dem Henle-Verlag, da dort oft auf die Entstehungsgeschichte eingegangen wird).

    Feder, Georg: Joseph Haydn: Die Schöpfung. Bärenreiter, Kassel 1999. (Ein Standardwerk zur Analyse des Oratoriums).

    Geiringer, Karl: Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik. Goldmann, München 1986. (Besonders die Kapitel über Haydns Wiener Jahre und seinen Eintritt in die Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“).

    Lessing, Gotthold Ephraim: Die Erziehung des Menschengeschlechts. In: Ders.: Werke. Band VIII. Herausgegeben von Herbert G. Göpfert. Hanser, München 1970–1979. (Ursprünglich erschienen: Berlin 1780). (Hintergrundlektüre zum optimistischen Menschenbild der Aufklärung, das Haydns Werk prägt).

    Dahlhaus, Carl: Klassische und romantische Musikästhetik. Laaber-Verlag, Laaber 1988. (Zur Einordnung der Tonmalerei/Mimesis und des Begriffs des „Erhabenen“).

    Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Werkausgabe Band X. 12. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995. (Besonders die Abschnitte über das „Mathematisch-Erhabene“ – dies lässt sich auf den Licht-Ausbruch im Oratorium beziehen. Kant beschreibt im § 26, dass das mathematisch Erhabene dort entsteht, wo unsere bloße Sinneswahrnehmung an ihre Grenzen stößt und die Vernunft eingreifen muss, um das „Unermessliche“ zu erfassen. In Haydns Oratorium geschieht genau das: Das Chaos (das Ungeformte) wird durch das „Wort“ und den gewaltigen C-Dur-Akkord schlagartig in eine Form gegossen. Das Gehör wird im ersten Moment durch die Lautstärke und den plötzlichen Harmoniewechsel überwältigt – ein klassischer Moment des Kantischen Erhabenen, in dem die ästhetische Erfahrung den Menschen seine eigene geistige Kraft spüren lässt.)

    Landgraf, Armin: Das Geschlechterverhältnis in den Oratorien Joseph Haydns. In: Haydn-Studien, Band VII, Heft 3–4, hrsg. vom Joseph Haydn-Institut Köln, G. Henle Verlag, München 1998, S. 294–312. (L. erklärt, dass Evas „Gehorsam“ im 18. Jahrhundert nicht als Unterdrückung, sondern als moralische Tugend und Teil der kosmischen Harmonie verstanden wurde. Er zeigt auf, dass Haydn das Paar Adam und Eva als Idealbild der bürgerlichen Ehe seiner Zeit stilisierte – ein Ruhepol inmitten der gesellschaftlichen Umbrüche der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege.)

    Spaemann, Robert: Natürliche Ziele. Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Klett-Cotta, Stuttgart 2005. (Während die moderne Biologie oft nur noch mechanische Prozesse sieht, plädiert Robert Spaemann in ‚Natürliche Ziele‘ für eine Wiederentdeckung des Sinns in der Natur. Er stützt damit indirekt Haydns Vision einer Welt, die nicht zufällig, sondern auf ein Ziel hin geordnet ist.)