Kategorie: Literatur

  • Lesen kann man (ver-)lernen!

    Lesen kann man (ver-)lernen!

    „Tiefes Lesen“ und die Möglichkeiten der Leseförderung

    Das, was ich hier beschreiben will, basiert primär auf einer viel beachteten Essay-Serie des Historikers und Politikwissenschaftlers Adam Garfinkle mit dem Titel „The Deep Literacy Crisis“ (erschienen im Magazin The Cosmopolitan Globalist, 2020). [vollständiger Artikel (in Englisch): The Erosion of Deep Literacy | National Affairs]. Garfinkle beschreibt darin eine schleichende, aber fundamentale gesellschaftliche Veränderung in den USA: das Verlernen des Lesens. Er meint damit nicht die Fähigkeit, Buchstaben zu entziffern, sondern die Kapazität für das „tiefe Lesen“ – jenes konzentrierte Versinken in Texten, das uns ermöglicht, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und Sinn aufzunehmen oder weiterzugeben.

    Dass dieser Prozess des Verlusts jedoch kein unaufhaltsames Schicksal sein muss, zeigt die andere Seite dieser Medaille. Bezug nehmend auf das Buch von Andreas Gold, „Lesen kann man lernen“ (Göttingen, 3. Auflage 2018 / Leseprobe: [Lesen kann man lernen | Vandenhoeck & Ruprecht Verlage]) wird deutlich, dass Lesekompetenz eine Fähigkeit ist, die aktiv aufgebaut, gepflegt und auch im fortgeschrittenen Alter zurückgewonnen werden kann.

    Diese theoretischen Überlegungen sind für mich weit mehr als eine akademische Debatte. Sie sind das Fundament meiner Arbeit: Seit einigen Jahren darf ich in der Praxis an zwei Grundschulen erfahren, wie erkenntnisreich und wirksam diese Ansätze sind. Im Rahmen eines Lesetrainings an zwei Grundschulen konnte ich miterleben, wie Kinder durch gezielte Förderung nicht nur ihre Lesetechnik verbessern, sondern einen Zugang zur Welt der Schrift finden, der ihnen zuvor verschlossen blieb. Es geht mir im Folgenden um die Mitteilung von Sinn in einer Zeit, die den Sinn oft verloren zu haben scheint. Es geht um die Überzeugung, dass wir durch die Rückbesinnung auf die Kulturtechnik des Lesens einen Raum zurückgewinnen, in dem echtes Verstehen wieder möglich wird.

    Die Erosion der Aufklärung: Garfinkles Diagnose

    Wenn man Adam Garfinkle folgt, markiert das Jahr 2007 – das Geburtsjahr des Smartphones – eine Zäsur, die weit über den technologischen Fortschritt hinausgeht. Es markiert den Beginn einer schleichenden Demontage dessen, was wir unter „liberaler Moderne“ verstehen. Garfinkles These ist so schlüssig wie beunruhigend: Die Demokratie war kein Zufall der Geschichte, sondern ein neurologisches Nebenprodukt einer intensiven Lesekultur.

    Wer sich über Jahrhunderte durch komplexe Texte wühlte, baute ein Gehirn auf, das zu Ausdauer, Empathie und dem Verständnis für Nuancen fähig war. Heute jedoch beobachtet Garfinkle den Übergang in eine „Spektokratie“. In dieser neuen Form der Gesellschaft haben mediale Inszenierung und emotionale Reize einen höheren Stellenwert als Fakten und logische Herleitungen.

    Der dramatische Verlust des „tiefgründigen Lesens“ („deep literacy“) führt dazu, dass wir verlernen, wer wir sind. Wenn die Aufmerksamkeitsspanne auf die Länge eines Kurzvideos schrumpft, bleibt kein Raum mehr für die mühsame Konstruktion einer inneren Welt. Wir fallen zurück in ein emotionalisiertes Schwarz-Weiß-Denken, das den Nährboden für Verschwörungstheorien und Identitätspolitik bildet. Wir befinden uns, so warnt Garfinkle, auf dem Weg in ein „neues Mittelalter“, in dem Bilder und Spektakel die Schriftlichkeit verdrängen. Dies gefährdet den Fortbestand einer liberalen Demokratie, da sich die Bürger politisch zunehmend wie unmündige Kinder verhalten.

    Der „Mechaniker“ im Neuronenraum: Andreas Gold

    Hier setzt Andreas Gold an. Während Garfinkle die kulturellen Trümmer vermisst, blickt der Frankfurter Psychologe in den Maschinenraum unseres Gehirns. Er bestätigt mit wissenschaftlicher Präzision: Das menschliche Gehirn ist von Natur aus gar nicht zum Lesen gemacht.

    Das ist ein scheinbares Paradoxon, das den Kern der modernen Leseforschung berührt. Andreas Gold stützt sich hierbei auf Erkenntnisse der Neuropsychologie (insbesondere auf Wissenschaftler wie Stanislas Dehaene und Maryanne Wolf).

    Der Mensch hat Gene für das Sprechen und das Sehen, aber es gibt kein „Lesegen“. Das Gehirn ist jedoch ein Meister der Improvisation. Wir lernen das Lesen durch einen Prozess, den man neuronalem Recycling nennt: Das Gehirn „kapert“ bestehende Areale, die ursprünglich für die Objekterkennung in der Natur gedacht waren, und schult sie auf die Erkennung von Buchstabenformen um.

    Dass man Lesen dennoch lernen – und eben auch verlernen – kann, liegt an der Neuroplastizität. Das Gehirn baut sich physisch um, wenn wir trainieren. Dieser Umbau ist jedoch energieaufwendig und bleibt nur erhalten, wenn er genutzt wird. Wir „kapern“ neuronale Schaltkreise, die eigentlich für die visuelle Orientierung in der Natur vorgesehen waren. Lesen ist eine Hochleistungssportart für Neuronen.

    Der entscheidende Berührungspunkt zwischen Gold und Garfinkle ist die Automatisierung. Gold erklärt, dass wir erst dann „tief lesen“ können, wenn die Worterkennung so reibungslos funktioniert, dass das Arbeitsgedächtnis frei wird für die Interpretation des Inhalts. Wenn aber das Gehirn durch die ständigen Unterbrechungen digitaler Algorithmen in einem permanenten „Alpha-Zustand“ (einem dämmrigen Dahintreiben) verharrt, wird dieses Arbeitsgedächtnis chronisch überlastet. Die Ebene der Sinngenerierung wird gar nicht erst erreicht.

    Das Trainingslager: Wege aus der Krise

    Garfinkle zeigt uns die Krise auf, Gold liefert das Handbuch für den Widerstand. Sein Credo ist hoffnungsvoll: Das Gehirn ist plastisch. Wir können lernen, die digitalen Ablenkungen zu ignorieren und unseren „kognitiven Bizeps“ wieder aufzubauen. In meiner Arbeit als Lesetrainer stütze ich mich auf fünf zentrale Strategien, die Gold vorschlägt:

    1. Leseflüssigkeit durch Automatisierung: Erst wenn das „Dekodieren“ der Buchstaben mühelos klappt, haben wir Kapazität für den Inhalt. Lautlese-Tandems sind hierfür in der Grundschule ein hocheffektives Werkzeug.
    2. Metakognition: Wir müssen den „inneren Schiedsrichter“ aktivieren. Wer nach jedem Absatz kurz inne hält und sich fragt: „Was habe ich gerade gelesen?“, wechselt aktiv in den Modus der Aufmerksamkeit.
    3. Strategisches Lesen: Texte müssen „bezwungen“ werden. Durch gezielte Fragen vor dem Lesen und das Strukturieren des Textes wird aus passivem Konsum eine aktive Suche nach Sinn.
    4. Die Stärke des Analogen: Gold verweist auf die haptische Verortung. Unser Gehirn nutzt das räumliche Gedächtnis eines Buches („links oben auf der Seite“), um Informationen zu verankern – ein Anker, der beim Scrollen am Bildschirm fehlt.
    5. Volition (Willenskraft): Wir müssen die Frustrationsstoleranz wiedererlernen. Dass ein Text „anstrengend“ ist, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der Moment, in dem kognitives Wachstum stattfindet.

    Lesen als Akt der Souveränität

    Garfinkles Weckruf und Golds Methoden bilden eine Einheit. Während der eine uns warnt, dass wir durch den Verlust der Lesefähigkeit unsere politische und menschliche Urteilskraft verlieren, gibt uns der andere das Werkzeug zur Gegenwehr.

    Lesen ist in unserer Zeit kein passives Hobby mehr, sondern ein Akt des Widerstands gegen die Beliebigkeit. Wer sich heute bewusst für ein Buch entscheidet, entscheidet sich gegen das bloße Zuschauen beim Spektakel und für die Teilhabe an der Welt der Ideen. In meiner Arbeit mit den Kindern sehe ich jeden Tag: Dieser Weg ist mühsam, aber er lohnt sich. Er führt weg vom „unmündigen Kind“ der Spektokratie und hin zum souveränen Bürger, der in der Lage ist, Sinn nicht nur zu suchen, sondern ihn auch zu finden.

    Exkurs: Die Säulen des Lesekonzepts nach Andreas Gold
    Andreas Gold beschreibt das Lesen nicht als eine einzelne Fähigkeit, sondern als ein komplexes Zusammenspiel mehrerer hierarchisch geordneter Teilprozesse. Sein Konzept lässt sich in vier wesentliche Säulen unterteilen:
    1. Die Basiskompetenz: Dekodieren und Automatisieren
    Dies ist das Fundament. Bevor Sinn entstehen kann, müssen Buchstaben in Laute und Silben in Wörter übersetzt werden.
    Der Kern: Die Worterkennung muss so schnell und mühelos ablaufen, dass sie keine bewusste Anstrengung mehr erfordert.
    Die Konsequenz: Erst wenn das „Wie“ (das Dekodieren) automatisch funktioniert, wird im Arbeitsgedächtnis Kapazität frei für das „Was“ (das Verstehen). Wer mühsam buchstabiert, hat keine Kraft mehr für den Sinn des Satzes.
    2. Die Brücke: Leseflüssigkeit (Fluency)
    Die Leseflüssigkeit ist das Bindeglied zwischen der reinen Technik und dem Verständnis. Sie umfasst eine angemessene Geschwindigkeit, Genauigkeit und die richtige Betonung (Prosodie).
    Der Kern: Ein flüssiger Leser liest so schnell, wie er spricht. Dadurch werden die Informationen in Sinneinheiten gruppiert.
    Die Methode: Hier setzen die von Gold favorisierten Lautlese-Verfahren (wie das Tandem-Lesen) an. Durch wiederholtes Lautlesen wird der „Lese-Rhythmus“ trainiert.
    3. Das Werkzeug: Lesestrategien
    Wenn die technischen Hürden genommen sind, geht es um die aktive Konstruktion von Bedeutung. Gold unterscheidet hier zwischen verschiedenen Strategietypen:
    Kognitive Strategien: Techniken wie das Zusammenfassen, das Klären von Wortbedeutungen oder das Aktivieren von Vorwissen.
    Metakognitive Strategien: Dies ist der „innere Schiedsrichter“. Der Leser überwacht sich selbst: „Habe ich das gerade verstanden? Warum ergibt dieser Satz keinen Sinn?“ Bei Problemen wird die Strategie gewechselt (z. B. langsamer lesen oder zurückblättern).
    4. Der Motor: Motivation und Volition
    Ohne den Antrieb nützt das beste Werkzeug nichts. Gold betont, dass Lesen eine Willensleistung ist (Volition).
    Der Kern: Motivation (Lust am Thema) bringt uns zum Buch, aber Volition (Durchhaltevermögen) lässt uns dabeibleiben, wenn der Text schwierig wird.
    Die Praxis: Erfolgserlebnisse beim Lesen steigern die Selbstwirksamkeit. Ein Kind, das merkt, dass es einen Text „bezwingen“ kann, entwickelt die nötige Ausdauer für das nächste Level.
    Wir können es uns nicht leisten, dass ein Viertel der Kinder die Grundschule verlässt, ohne richtig lesen zu können.“
    Karien Prien Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 31.05.2026

    Warum Gold und Garfinkle hier eins werden

    Gold liefert mit diesen Säulen die Erklärung für Garfinkles Beobachtung des „Verlernens“. Wenn wir uns im digitalen Raum angewöhnen, Texte nur noch zu scannen, bauen wir die Säulen 3 (Strategien) und 4 (Volition) schleichend ab. Wir nutzen nur noch die Basiskompetenz des Dekodierens, um oberflächliche Reize aufzunehmen.

    Das Gehirn „recycelt“ seine Kapazitäten dann erneut – weg von der Konzentration, hin zur schnellen Reizverarbeitung. Garfinkles „Erosion“ ist also letztlich der Rückbau genau jener neuronalen Brücken, die Gold durch sein Training mühsam aufbaut.

    Lesen lernen heißt: Das Gehirn zur Konzentration zwingen. Lesen verlernen heißt: Dem Gehirn erlauben, wieder in den Modus der einfachen Reizaufnahme zurückzufallen.